Porträt

„Hong Kong Trilogy“ im Kino

Unverwüstliche Stadt: Bekannt wurde Christopher Doyle vor allem als Kameramann von Wong Kar-wai. Mit „Hong Kong Trilogy“ hat er jetzt eine Dokumentation über seine Wahlheimat Hongkong gedreht

Foto: Rapid Eye Movies

Du Ke Feng lautet der chinesische Name jenes Mannes, den die Welt als „der Kameramann von Wong Kar-wai“ kennt. Ein Sprachlehrer an der Universität von Hongkong hat ihn Christopher Doyle in den späten 1970er-Jahren gegeben. Der Name (übersetzt: „Wie der Wind“) trifft den Nagel auf den Kopf. Denn wie der Wind – rasch, flüchtig, stürmisch, sanft; angenehm und aufregend zugleich – wirken die Bilder, die zum Markenzeichen Doyles geworden sind. Und wie der Wind erscheint auch der Mann selbst, irrwischgleich und ruhelos und immer unterwegs und im Zweifelsfall eine Bierflasche in der Hand. Jedenfalls, wenn er nicht gerade die Kamera geschultert hat und in tiefer Ruhe und höchster Konzentration jenen Farbschatten einer Wirklichkeit nachjagt, die eher das Innere der Filmfiguren widerspiegeln als den Raum, in dem diese agieren.

Geboren wurde Christopher Doyle 1952 in Sydney. Er verließ Australien, als er 18 Jahre alt war, verdingte sich als Seemann bei der norwegischen Handelsmarine, verkaufte chinesische Medizin in Thailand, lebte in einem Kibbuz in Israel und grub Brunnen in der indischen Wüste. Irgendwann traf er in Taiwan auf Hou Hsiao-hsien, er drehte Dokumentationen fürs Fernsehen und wurde von Edward Yang für dessen ersten Langfilm „That Day, on the Beach“ (1983) verpflichtet. Mit der Zeit machte sich Doyle als Kameramann einen Namen in Asien. 1991 arbeitete er das erste Mal mit dem Hongkonger Filmemacher Wong Kar-wai zusammen („Days of Being Wild“). Er fotografierte bis 2004 weitere fünf Spielfilme für Wong, und ja, man kann sagen, dass die beiden einander in der westlichen Welt bekannt gemacht haben. Mitte der 1990er-Jahre war das, „Chungking Express“ und „Fallen Angels“ wurden im Forum der Berlinale gezeigt und alle Welt fragte sich, woher diese zarten Geschichten voll Melancholie und Sehnsucht und vergeblicher Liebe kommen. Und woher diese Bilder, die so dynamisch sind und so traurig, verwischt, fragmentiert, und zum Sterben schön sogar dann, wenn sie lediglich von einer Mauer abblätternde Plakatreste zeigten. Was Doyle und Wong in ihren Kollaborationen an visuellem (Abwechslungs-)Reichtum kreierten, wurde stilprägend. Eine Weile lang kam kein Film aus Hongkong, der nicht mindestens mit rasanten Schärfewechseln, Zeitraffer-Zeitlupe-Spielereien, Weitwinkel-Verzerrungen und Handkameragewackel aufwarten konnte. Auch außerhalb Asiens wurden nun Regisseure auf Doyles spezifische Bildsprache aufmerksam; unter anderem verpflichteten Gus Van Sant, Phillip Noyce, James Ivory, Neil Jordan und Jim Jarmusch den „Chinesen mit Hautkrankheit“ (Doyle) für ihre Filme.

Doch es ist Hongkong, wohin Doyle immer wieder zurückkehrt. In den Filmen, die er dort dreht, lebt die Stadt, findet sich verdichtet das Lebensgefühl einer Metropole, in der Tradition und Moderne, West und Ost untrennbar verbunden sind. Das ruhelose Hongkong ist dem ruhelosen Doyle Heimat geworden, er kennt es wie seine Westentasche, und es ist die Perspektive eines Insiders, die er mit „Hongkong Trilogy: Preschooled Preoccupied Preposterous“, seiner aktuellen Regiearbeit, anbietet.
Wie bereits Doyles erste beide Filme – A Way With Words“ (1999) und „Warsaw Dark“ (2009) – hält sich auch dieser nicht mit linearer Narration, klassischer Dramaturgie oder gar Genrezuschreibungen auf. Auf die sprichwörtliche Schönheit der Bilder und eine feinsinnige Kadrage kann man sich zwar verlassen, nicht jedoch darauf, dass das Ganze auch augenscheinlich Sinn ergibt.
Der Chor, den Doyle in lyrischer Tonlage vom Hongkong der Gegenwart erzählen lässt, setzt sich aus den Stimmhöhen dreier Bevölkerungsgruppen zusammen: „preschooled children“, „preoccupied young people“ und „preposterous senior citizens“ – also etwa: Vorschulkinder, junge Aktivisten und unwürdige Greise. Sie liefern die Titel der Kapitel, in die der Film sich gliedert, dessen Herzstück wiederum Dokumentation und Würdigung der pro-demokratischen, von Studenten getragenen „Occupy Central“ Bewegung ist: Im Herbst 2014 sorgte diese mit der sogenannten „Umbrella Revolution“ für Furore, einer knapp zweieinhalb Monate währenden Besetzung von Hongkonger Verkehrsknotenpunkten vermittels einer Zeltstadt, in der alternative Gesellschaftsformen erprobt wurden.

Hier nun wird erkennbar, was Doyle umtreibt, ist seine Wahlheimatstadt doch seit der Rückgabe an die Volksrepublik drastischen Wandlungsprozessen und Druck von vielerlei Seiten ausgesetzt. Man spürt in „Hongkong Trilogy“ die Sorge um den liebgewonnenen Charakter der Stadt und die Angst vor dessen Verlust. Man spürt aber auch den Glauben an dessen Unverwüstlichkeit. Und vor allem spürt man Hoffnung.

Hongkong Trilogy: Preschooled Preoccupied Preposterous Hongkong 2015, 85 Min., R: Christopher Doyle, Start: 15.12.

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