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„Horse Money“ im Kino

Horse Money

Seit rund zwei Jahrzehnten arbeitet Pedro Costa mit den Menschen, die er Mitte der 1990er-Jahre im Lissaboner Subproletarier-Quartier Fontaнnhas kennengelernt hat, an einem Zyklus über ihre zerfallende Welt. „Horse Money“, seine jüngste, hermetische Arbeit, ist erst vor diesem Hintergrund ?verständlich: Costas Film ist der vorläufige Höhepunkt eines Epos‘ über die Zeit, über eine Gemeinschaft, der die Fähigkeit zur Selbsterzählung mehr und mehr verloren geht: ein Paradox, mit hypnotischen Effekten.
Die Trennung zwischen Dokumentation und Fiktion hat Costa in seinen Fontaнnhas-Arbeiten schon früh aufgehoben: „Ossos“ (1997) spürte mit den rauen Mitteln des ?Direct Cinema in den Elendsecken des Quartiers die Geschichte eines Underdog-Paars auf, das im Schwanken zwischen Depression und Aktionismus an der Aufgabe scheitert, für ein neugeborenes Kind zu sorgen. Der Film war die absolute Radikalisierung des sozialrealistischen Kinos, schonungslos und ohne den freundlichen Schlussakkord, den etwa die Dardenne-Brüder so einer Erzählung gegeben hätten.
Schon in „Ossos“ hatte Costa Laienakteure aus Fontaнnhas für zentrale Rollen verpflichtet, darunter auch eine junge, cracksüchtige Frau, die danach „In Vandas Zimmer“ (2000) ins Zentrum rückte. Vanda und ihre Junkie-Freunde spielen und erfinden sich selbst für den Regisseur, der als Ein-Mann-Filmteam ihr Leben beobachtet und es re-inszeniert, lebensnah, aber auch abstrahiert, zwischen Crack-Hustenkrampf und Heroinschuss in die Halsvene: Fontaнnhas, während der Dreharbeiten Haus für Haus abgerissen, war zu Costas Doku-Fiction-Filmstudio geworden.
Einen Film später traten in „Colossal Youth“ (2006) die selben Akteure mit ihren eigenen, verfremdeten Geschichten wieder auf – älter geworden, runter vom Crack, transformiert von der Zeit und vom Transfer aus der düsteren Welt von Fontaнnhas in ein weißgetünchtes Plattenbau-Viertel. In ihrer Mitte thronte Ventura, ein majestätischer Bauarbeiter von den Kapverden, der nun als mythischer Vater den Reigen der auftretenden Figuren organisierte.
Wie ein Untoter aus einem expressionistischen Schauerfilm von Murnau streift jetzt derselbe Ventura durch die verlassene, psychiatrische Klinik von „Horse Money“, durch Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Umgeben ist er von seinen fünf „Söhnen“, die fremde oder eigene Biografiesplitter ausbreiten, in einem Erinnerungsraum zwischen Emigration, der Nelkenrevolution und einem Leben voller armselig bezahlter, harter Arbeit. Die Fontaнnhas-Filme, meisterlich mit der Digitalkamera fotografiert, als wären sie düstere Traumvisionen von Rembrandt, sind inzwischen selbst zur Kultur dieser zerbrechlichen Gemeinschaft geworden: Sie erzählen nicht von, sondern mit diesen Menschen, mikroskopisch und teleskopisch, vom Innen und Außen zugleich.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Grand Film

Orte und Zeiten: „Horse Money“ im Kino in Berlin

Horse Money (Cavalho Dinheiro), Portugal 2014; Regie: Pedro Costa; Darsteller: Ventura, Vitalina Varela, Tito Furtado; 103 Minuten

Kinostart: Do, 08. Oktober 2015

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