Dokumentarfilm

„Hotel Jugoslavija“ im Kino

Mythologischer ­Herkunftsort: Ein Hotel als Kulisse und Seismograph. In Belgrad eröffnet in den ­frühen 1970ern das opulente „Jugoslavija“ und lädt mit seinen 600 Zimmern zum Träumen ein: Von einem starken Jugoslawien, das sich mit seinem autonomen Sozialismus zu ­behaupten vermag; von einem unsterblichen Tito, der die Völker des Balkans auf ewig ­verbrüdert.

Dejavu Filmverleih

Der Traum währt nur ein paar Jahrzehnte, aber er ist intensiv. So intensiv, dass auch Personen, die nur indirekt Teil von ihm waren, hypnotisiert sind. So der ­Schweizer Nicolas Wagnières, Sohn einer Serbin: Er muss das Hotel beinahe zwanghaft aufsuchen. „Ich bin seltsam nostalgisch nach einem Land, in dem ich nie lebte“, sagt er im Off-Text des Films. Und auch, dass ihm Jugoslawien wie ein „mythologischer Herkunftsort“, ein ­„verlorenes Königreich“ vorkomme.

Wagnières filmt, um festzuhalten. Doch was, wenn man etwas festhalten möchte, das nicht mehr existiert? In den letzten Bildern dieser schwermütigen Durchwanderung eines Ortes rollen junge Frauen durch ein Diner. Davor hatte man das „Jugoslavija“ schon zerbombt gesehen. Oder in eleganten Werbefilmen. Der Schweizer muss zu einem Trick greifen, um das komplexe Wesen Jugoslawiens und des Hotels einzufangen: die Einbindung alten Filmmaterials. So ist man mit einer Gruppe aus Jovan Jovanovićs Spielfilm „Mlad i zdrav kao ruža“ (1971) unter­wegs oder sieht in propagandistischen Aufnahmen, wie der Stadtteil Novi Beograd nach dem Zweiten Weltkrieg von Brigaden erbaut wurde. Wagnières ist sich sicher: Das Hotel hat seine Wandlung noch nicht beendet.

Hotel Jugoslavija CH 2017, 78 Min., R: Nicolas Wagnières, Start: 21.2. 3325

Mehr über Cookies erfahren