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„I Am Love“ im Kino

Tilöda SwintonAuch wenn sie leibhaftig vor einem steht, sieht Tilda Swinton genauso aus wie im Film: sehr groß und dünn und unglaublich blass, fast durchsichtig. Diese Haut und das rote Haar, in die Generationen von Filmemachern und Kameraleuten sich verliebt haben. Auch in „I Am Love“ von Luca Guada­gnino ist Tilda Swintons Haut wichtig. Sie spielt die schöne, zurückhaltende Gattin eines Mailänder Industriellen, deren Leben im goldenen Käfig durcheinander gewirbelt wird – durch die Begegnung mit einem jüngeren Mann, einem Koch, durch Essen, Begehren, Liebe. Die Kamera folgt dieser zarten, makellos gekleideten Figur und ihrem verschlossenen Gesicht, andächtig bei jedem ihrer Schritte in den Abgrund.

Viel mehr passiert nicht, es ist ein impressionistischer Film, der Stimmungen zeigt, Fragmentarisches. Es gibt eine Liebesszene, die ganz lange von ganz nah einzelne Hautabschnitte Swintons im Sonnenlicht filmt, die Arme, die Brüste, die wenigen Fältchen, welche man bei der mittlerweile Fünfzigjährigen doch auch finden kann. Es ist auffällig, wie häufig und wie gerne dieser seltsame, nicht klischeehaft weibliche Körper im Film verklärt wird. Tilda Swinton erklärt das so: „Als ich begann, Filme zu machen, schien mir immer, dass ich nicht aussehe wie Leute, die in Filmen sind. Aber ich sehe aus wie Leute auf alten Bildern. Also irgendwie haben offensichtlich viele Filmemacher auch den Wunsch, einen Rahmen um mich herum zu machen. Aber letztendlich hat es vor allem damit zu tun, dass ich kein Mascara trage.“ Die Ironie ist typisch. Denn wer mit Tilda Swinton spricht, merkt vom ersten kräftigen Händedruck und dem beherzten „Hello, I am Tilda“ an, dass zum ätherischen Aussehen eine sehr wohlgeerdete Person gehört. Und eine, die – obwohl vor den Kameras so oft zum passiven Bild gemacht – hinter der Szene zu den künstlerisch aktivsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehört. Schnell ein Drehbuch lesen und dann ein paar Tage lang filmen, gehört nicht zu ihren Erfahrungen, trotz des zunehmenden Hollywood-Ruhms der letzten Jahre.

Bei den meisten Projekten ist sie vielmehr von Beginn weg an der Entwicklung beteiligt, von ihren frühesten Filmen mit dem legendären Independent-Filmer Derek Jarman über Sally Potters „Orlando“ (für den sie gemeinsam mit Regisseurin fünf Jahre lang kämpfte) bis zu „Io sono l’amore“: alles Produkte von Freundschaften und jahrelangen gemeinsamen künstlerischen Auseinandersetzungen. Swinton ist da sehr entschieden: „Die Beziehung zum Regisseur ist für mich der einzige Grund, Filme zu machen.“

I_Am_love_AtTheFuneralMit Luca Guadagnino begann sie bereits vor sieben Jahren sich über die Geschichte ihres Films zu unterhalten: „Die ursprüngliche Idee ist schwierig zu beschreiben. Ich würde sagen, es ging uns um eine gewisse Art von Emotionalität, wir hatten Ideen zur Entwicklung einer filmischen Sprache, die einerseits modern sein sollte, andererseits sich aus den Traditionen nährte, die wir lieben und verehren – von John Huston über Alfred Hitchcock bis zu Pasolini, Rossellini und Visconti.“ Herausgekommen ist ein visuell bestechendes Melodrama, mit genau jener Uneindeutigkeit des Begehrens, die Swinton interessant findet: „Einerseits will man die Dinge so anlegen, dass die ­Zuschau­er denken, sie wissen, was kommt und das auch genießen. Sie sollen fühlen, dass die Liebe im Anmarsch ist, wie ein Gewitter. Aber sie sollen auch nicht sicher sein, über wem dieses Gewitter ausbrechen wird.“ Neben den künstlerischen Aspekten spricht Swinton auch gerne und offen über das Praktische.

Anders als bei früheren Filmen wird sie in „Io sono l’amore“ als Produzentin geführt – mittlerweile helfe ihr Name halt, Projekte finanziert zu bekommen. Dass der Ruhm sich auch nutzen lässt, ist überhaupt eine von Tilda Swintons angenehmsten Erfahrungen der letzten Jahre. Und sie macht davon nicht nur bei ihren großen Filmen Gebrauch, sondern auch bei ihren vielen kleinen Projekten. Im äußersten Norden von Schottland, ihrem „Rückzugsort“, wo sie mit Mann und Kindern wohnt, hat sie ein winziges Filmfestival ins Leben gerufen, und eine Filmstiftung für Kinder. Dinge, die sie persönlich interessieren. Sonst würde sie sie nicht machen.

Text: Catherine Newmark

Foto: Harry Schnitger (Porträt)

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „I Am Love“ im Kino in Berlin

„I Am Love“ (Io Sono l’Amore) Italien 2009; Regie: Luca Guadagnino; Darsteller: Tilda Swinton (Emma Recchi), Flavio Parenti (Edoardo Recchi Jr.), Edoardo Gabbriellini (Antonio Biscaglia); 119 Minuten; FSK 12;

Kinostart: 28. Oktober

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