Cannes 2017

Ideologie vs. Ästhetik? – Bericht aus Cannes

Ein durchwachsener Jubiläumsjahrgang bei den 70. Internationalen Filmfestspielen an der Croisette

„Aus dem Nichts“ von Fatih Akin, Foto: Warner

Viele hatten gehofft, dass Pedro Almodóvar nicht auf diesen Film reinfallen würde. Dass er und seine Jury Ruben Östlunds „ The Square“ nicht mit der Goldenen Palme auszeichnen würden. Aber so kam es leider am Ende eines Wettbewerbs, der enttäuschte, in dem allzu viele Regisseure sich wiederholten, hinter ihren früheren, stärkeren Arbeiten zurückblieben. Aber wer weiß schon, wie so eine Jury aus neun Individuen tickt, zu denen in diesem Fall der US-Schauspieler Will Smith, der libanesische Komponist Gabriel Yared und die deutsche Regisseurin Maren Ade zählten. Sie war im letzten Jahr mit „Toni Erdmann“ komplett leer ausgegangen, was jeden überraschte und wohl auf die Aversion des letztjährigen Jurypräsidenten George Miller zurückzuführen war. Dennoch ist Maren Ade in der Cannes-Hierarchie weit nach oben geschossen, nicht nur ihr Jury-Posten bestätigt dies, auch die Einladung für den von ihrer Firma produzierten „Western“ von Valeska Grisebahc in der Nebenreihe Un Certain Regard.

Dem deutschen Kino geht es nach Jahren des Darbens ganz gut in Cannes, Grisebachs sperriges Drama, wie immer mit Laiendarstellern und dem Versuch, größtmögliche Authentizität zu erzeugen, wurde wohlwollend aufgenommen, wesentlich skeptischer hingegen Fatih Akins im Wettbewerb zu sehendes NSU-Rachedrama „Aus dem Nichts“. Moralisch schlicht, in Momenten auch fragwürdig, scheint die Geschichte einer von Diane Krüger gespielten Frau, deren Mann und Sohn bei einem an den Keupstraßen-Anschlag angelehnten Attentat ums Leben kommen. Die Justiz kann die Täter nicht verurteilen – in dubio pro reo –, doch die Mutter nimmt das Gesetz selbst in die Hand.

Nicht ganz überraschend gab es dafür den Darstellerpreis für die in Frankreich sehr beliebte Krüger, denn starke Frauenrollen gab es in diesem Wettbewerb kaum. Immerhin drei Regisseurinnen waren eingeladen, die auch zwei der stärksten Filme des Wettbewerbs ablieferten: Sofia Coppola zeigte sich mit ihrem Don Siegel-Remake „Die Verführten“ erneut als brillante Stilisten, die die Geschichte eines Soldaten der amerikanischen Nordstaaten, der während der Bürgerkriegs in einer von Frauen betriebenen Schule landet und dort schier seiner Präsenz für erotische Verwirrung sorgt, mit feministischem Duktus neu interpretiert. Nicht nur ästhetisch ist das eine Augenweide und verdiente den Regiepreis, der erst zum zweiten Mal in der Geschichte Cannes an eine Frau ging.

Mit dem Drehbuchpreis und dem Preis für den besten Darsteller wurde die Schottin Lynne Ramsay ausgezeichnet, deren „You Were Never Really Here“ der letzte – und beste – Film des Wettbewerbs war. Joaquin Phoenix spielt in der modernen „Taxi Driver“-Variante einen traumatisierten Kriegsveteranen, der durch die Straßen New Yorks deliriert und auf brutalste Weise Aufträge erledigt, junge Mädchen aus Bordellen befreien etwa. Doch so genau erfährt man die Hintergründe einer Geschichte nicht, die fast nur über Bilder und die Musik von Radiohead-Gitarrist Johnny Greenwood erzählt wird, Bilder, aus denen Ramsay ein flirrendes, albtraumhaftes Stück pures Kino geformt hat.

Das war vielleicht ein wenig zu gewagt für die Jury, die am Ende Ruben Östlunds Satire „The Square“ mit der Goldenen Palme auszeichnete. Zumindest ideologisch trifft der Schwede, der sich in den letzten Jahren mit seinen moralischen Versuchsanordnungen „Play“ und „Höhere Gewalt“ ganz nach oben in die Riege europäischer Autorenfilmer gefilmt hat, die richtigen Töne: Um die Oberflächlichkeit der Gesellschaft geht es, um die Absurditäten des Kunstbetriebs, um die scheinbare Notwendigkeit, in Zeiten sozialer Medien mit plakativen, reißerischen Methoden Aufmerksamkeit zu generieren. Viel Wahres steckt in „The Square“, aber auch viel Plakatives. Denn sich über die Auswüchse des Kunstbetriebs und die verschwurbelte Sprache von Kuratoren lustig zu machen, ist nun wirklich keine Kunst.

Viel subtiler war Östlund in früheren Filmen, was sich über vieles im Wettbewerb sagen ließe: Von Andrei Zvyagintsevs „The Loveless“ über Kornel Mundruczos „Jupiter’s Moon“ bis zu Michael Hanekes „Happy End“ legten allzu viele Regisseure Werke vor, in denen sie sich selbst wiederholten, nur diesmal unsubtiler. Zeigt sich nun auch in Cannes die Tendenz zum Bevorzugen des Ideologischen über dem Ästhetischen? Des politisch korrekten Message-Film, der sich mit einem der brennenden Themen der Zeit beschäftigt, während ästhetisch gewagte Filme wie Ramsays „You Were Never Really Here“, eher zeitlose Themen behandeln?

Selbst das wichtigste Filmfestival der Welt ist nicht frei von politischen Entscheidungen, setzt gerne auf Altmeister (fast immer Männer), die oft unabhängig von der Qualität ihrer Werke eingeladen werden. Besonders frappierend war das in diesem, dem 70. Jubiläumsjahr, bei zwei fraglosen Großmeistern des Kinos zu beobachten: dem unlängst verstorbenen Abbas Kiarostami, der in „24 Frames“ 24 banale selbst geschossene Fotos animierte, und Claude Lanzmann, der ich in seinem vorgeblich um Nordkorea drehenden „Naplam“ auf schwer zu ertragende Weise selbst in den Mittelpunkt stellte, und seinem schon immer ausgeprägten Narzissmus freien Lauf ließ. Zwei Filme, die ohne die großen Namen im Regiestuhl kaum in Cannes gezeigt worden wären, aber dies ist nun einmal die Hochburg des Auteurs, im guten, wie im schlechten.

Vor allem aber ist Cannes ein Fest des Kinos, eine Würdigung der siebten Kunst, die die ganze Stadt ergreift. Auch normale Bürger, die jeden Tag vor dem Festivalpalast auf Einladungen für die Gala-Premieren hoffen, sind elegant gekleidet, die Begeisterung in den Sälen ist außerordentlich, Medienvertreter aus Indien oder Chile, Sambia und Thailand begeistern sich für Filme aus ihren Ländern, die in den offiziellen oder Nebenreihen gezeigt werden. Auch wenn nur gut 100 Filme gezeigt werden (zum Vergleich: Auf der Berlinale laufen an die 500), unzählige Präsentationen und Diskussionsrunden, Panels und Events, Partys und Empfänge, machen Cannes so besonders. Nicht jeder Film mag überzeugen, mancher Wettbewerbs-Jahrgang enttäuscht. Am Ende sind es dann doch zwölf erschöpfende Tage Kino, die man nicht missen mag.

Preise:

Goldene Palme: „The Square“ Ruben Östlund (Schweden)

Großer Preis der Jury: „120 Battements Par Minutes“ von Robin Campillo (Frankreich)

Preis der Jury: „Nelyubov“ von Andrey Zvyagintsev (Russland)

Beste Regie: Sofia Coppola „The Beguiled“ (USA)

Bester Darsteller: Joaquin Phoenix in „You Were Never Really Here“ von Lynne Ramsay (GB)

Beste Darstellerin: Diane Kruger in „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin (Deutschland)

Bestes Drehbuch: ex aequo an Yorgos Lanthimos & Efthymis Filippou „The Killing of a Sacred Deer“ (Griechenland/ Irland/ GB) und Lynne Ramsay „You Were Never Really Here“ (GB)

Mehr über Cookies erfahren