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„Im Alter von Ellen“ und „Glückliche Fügung“ im Kino

im-alter-von-ellenDas Leben einer Flugbegleiterin ist per Definition transitorisch: Sie kommt an, sie fährt weg, sie hebt ab, sie schläft irgendwo. Das kann für ein paar Jahre aufregend sein, doch wie fühlt sich dieses Leben in einem Alter an, in dem sich ein Bedürfnis nach Klarheit und Ruhe einstellt? Davon erzählt Pia Marais in ihrem Film „Im Alter von Ellen“.

Die französische Starschauspielerin Jeanne Balibar spielt hier eine in vielerlei Hinsicht fragile Frau, die aus ihrem eigenen Leben fällt. Sie setzt eine gute Position aufs Spiel, weil sie nicht länger eine Puppe sein will, die Sicherheitsvorkehrungen vorspielt. Es beginnt eine Odyssee, auf der sie an eine Gruppe junger Menschen gerät, die mitten in der Gesellschaft den Ausstieg proben. Sie leben in einer Hausgemeinschaft, in die man nur per Plenumsbeschluss aufgenommen wird. Radikaler Tierschutz ist die wichtigste politische Agenda dieser Gruppe, in der die aparte Ellen wie ein Fremdkörper wirkt. Es ist vor allem ein Mangel an Selbstgewissheit, der sie von den Aktivisten unterscheidet. „Im Alter von Ellen“ ist eine Erzählung als Passage, die von Deutschland nach Afrika führt, in eine Welt, in der einem auf der Rollbahn eines Flughafens ein Raubtier begegnen kann. 

Dass diese Fremdheit im eigenen Leben aber keineswegs unbedingt einen exotischen Kontext verlangt, zeigt der zweite Film einer deutschen Regisseurin, der in diesen Wochen ins Kino kommt: „Glückliche Fügung“ von Isabelle Stever. Auch hier ist Weltdistanz zu Beginn die konstitutive Erfahrung: Simone befindet sich allein in einem Zimmer, von draußen dringen die Geräusche öffentlichen Feierns nach drinnen, die Ausgelassenheit der unsichtbaren Menschen erfüllt den Innenraum wie eine soziale Last. Simone geht dann noch weg, und wie Isabelle Stever diese Clubnacht filmt, ist programmatisch für die Ästhetik, von der „Glückliche Fügung“ ausgeht: Wie ein in einer Zeitschleife gefangenes Hipsterritual läuft diese Tanzveranstaltung ab, am Ende aber geht Simone mit einem Mann nach draußen, von dem sie in dieser Nacht schwanger wird.

Sie trifft ihn dann unvermutet wieder, und nun ist er ein konkretes Gegenüber: Hannes, Krankenpfleger in einer Klinik, bereit, die Vaterrolle zu übernehmen. Ohne lange Verliebtheit, ohne große Entscheidungen sind Simone und Hannes plötzlich ein Paar, und was sich bei Pia Marais als Bewegung in die offene Welt hinaus vollzieht, findet bei Isabelle Stever als Bewegung in die Geschlossenheit einer traditionellen Existenz hinein statt: radikale Entfremdung.

Den gesamten Text von Bert Rebhandl finden Sie in der tip-Ausgabe 03/2011.

„Im Alter von Ellen“
Deutschland/Frankreich 2010; Regie: Pia Marais; Darsteller: Jeanne Balibar (Ellen), Stefan Stern (Karl), Georg Friedrich  (Florian); 95 Minuten; FSK k.A.

Orte und Zeiten: „Im Alter von Ellen“

tip-Bewertung: Sehenswert 

Kinostart: 20. Januar

„Glückliche Fügung“
Deutschland 2010; Regie: Isabelle Stever; Darsteller: Annika Kuhl (Simone), Stefan Rudolf (Hannes), Arno Frisch  (Herbert); 90 Minuten; FSK 12

Orte und Zeiten: „Glückliche Fügung“

tip-Bewertung: Sehenswert 

Kinostart: 20. Januar

 

 

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