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Im Gespräch mit den Regisseuren der Komödie „Der Tag wird kommen“

GustavKevern_und_BonoitDelephinHerr Kervern, Herr Delйpine, Sie sind große Bewunderer von Fernando Arrabal, dem Mitbegründer der Panischen Bewegung …
GUSTAVE KERVERN
Kennen Sie unseren zweiten Film, „Avida“? Da spielt Arrabal einen Torero, der mit einem Rhinozeros kämpft. Der Film ist in Deutschland leider nie ins Kino gekommen.

Man glaubt eine Reihe von Berührungspunkten zu erkennen, wenn man Ihre Filme mit den Arbeiten Arrabals vergleicht. Den Hang zum Absurden oder die bedingungslose Solidarität mit Ihren Protagonisten zum Beispiel.
BENOОT DELЙPINE Das ist ein sehr schönes Kompliment.

Für Canal Plus haben Sie eine Kurzfilmserie realisiert, die sehr an Arrabal erinnert. In „Don Quichotte de la rйvolution“ kämpft ein moderner Don Quijote mit seinem Gehilfen gegen den globalisierten Kapitalismus. Der Punk Benoоt und sein Bruder führen Ähnliches im Schilde. Am Ende rufen sie vergeblich zur Revolution auf. Ist die Erfolglosigkeit das Schicksal der Linken?
KERVERN Die Antwort liegt schon in der Fragestellung (lacht).
DELЙPINE Die Frage war, ob es in Frankreich heute überhaupt möglich ist, dass ein Obdachloser und ein frisch Gefeuerter tatsächlich mit Erfolg eine Revolution ausrufen können. Das ist natürlich vollkommen ausgeschlossen, da wollten wir schon glaubwürdig bleiben. Trotzdem erreichen die Brüder doch das Maximum. Mit geklauten Firmenlettern formulieren sie ihre Message. Wenn das jeder tun würde, wäre das tatsächlich eine kleine Revolution, eine, die Frankreich gut gebrauchen könnte. Das wäre dann ein erster heroischer Akt.

Die Message „We are not dead“ klingt aber eher nach kleinstem gemeinsamen Nenner.
DELЙPINE Ursprünglich hatten wir tatsächlich ein anderes Ende geplant. Brigitte Fontaine, die Darstellerin der Mutter, hatte für das Finale auch schon einen Revolutionssong geschrieben. Alle sollten am Schluss dieses Revolutionslied schmettern und im Hintergrund brennt die Mall ab. Wir haben das auch gedreht, dann aber gespürt, dass das nicht funktioniert. Das war ein einziger Anachronismus, das fühlte sich nicht echt an. So haben wir dann die kleinere Lösung vorgezogen.

Ist die denn wirklich eine Lösung?
DELЙPINE
Wir haben uns natürlich die Frage gestellt, was eigentlich passieren muss, damit heutzutage in Frankreich überhaupt eine Revolution ausbricht. Und diese Frage lässt sich ganz eindeutig beantworten. Zurzeit wird es in Frankreich keine Revolution geben. Wenn wir jetzt aber nach Griechenland schauen, was sich also wirklich in einer schrecklichen Verfassung befindet, da konnte man die ersten Anzeichen einer Revolte schon sehen. Zu einer wirklichen Revolution ist es dennoch nicht gekommen. In Tunesien hat sich jemand selbst angezündet und dadurch einen Prozess in Gang gesetzt, der später wirklich zu einer Revolution wurde. Also was muss eigentlich in Frankreich geschehen, damit es hier eine Revolution gibt?

/Der_Tag_wird_kommenFür die Brüder ist die Antwort ernüchternd: Job weg, Zukunftsaussichten düster und bei der Revolution macht auch
keiner mit.
DELЙPINE
Für uns ist das schon eine Art Happy End, auch wenn wir das nicht besonders betont haben. Sie befreien sich doch, auch wenn das vielleicht nicht so stark zum Ausdruck kommt.
KERVERN Außerdem ist es doch so, dass die Söhne in ihren Eltern den Zweifel am System wecken. Das geht so weit, dass die Alten am Ende ihr Restaurant, also ihre Produktionsmittel, zerstören. Das bedeutet schon sehr viel, wenn man dazu in der Lage ist, zu zerstören, was einen kaputtmacht.

Für Ihre Filme sind Benoоt und Jean-Pierre ganz typische Helden. Der Kampf, den sie führen, mag ausweglos sein, gekämpft wird aber mit Inbrunst. Woher stammt Ihre Liebe für solche Helden?
DELЙPINE
Wir haben einfach ein Faible für diese Don-Quijote-Typen. Sie haben unsere Sketche ja schon erwähnt. Das sind Figuren, die uns wirklich interessieren.

Aber woher kommt diese Vorliebe für die hitzköpfigen Verlierer?
DELЙPINE
Superhelden finden wir eher deprimierend, das interessiert uns gar nicht. Don Quijote war der erste Antiheld, vorher gab es nur Superhelden. Von der Bibel bis zum modernen Jazz – überall potente Helden, das interessiert doch wirklich keinen. Jemand, der gegen Windmühlenflügel kämpft, mit so einem beschäftigt man sich doch viel lieber. 

Interview: Nicolaus Schröder
Fotos: Alamode Film

Die Gesellschaft ist ein unwirtlicher Ort. Die Charaktere, die das Autorenduo Benoоt Delйpine und Gustave Kervern in seinen Filmen beschreibt, haben genug vom Leben mit Ratenverträgen, sozialer Kontrolle und Anpasserei. Drohende Armut schreckt sie genauso wenig wie Missachtung. Sie sind wahrhaft frei und loten diese Freiräume immer weiter aus – bis an die Grenze und manchmal darüber hinaus. In „Aaltra“, ihrem ersten in Deutschland veröffentlichten Kinofilm, machen sich zwei schlecht gelaunte Rollstuhlfahrer auf nach Finnland. Sie wollen zu der Landmaschinenfabrik, die den Kipper baute, der sie in den Rollstuhl brachte. Louise, die Heldin aus „Louise Hires a Contract Killer“, schickt ihrem betrügerischen Arbeitgeber einen Killer auf den Hals, während Mammuth, der Fleischhauer aus dem gleichnamigen Film, sich am Ende seines Ausbruchs aus den Verhältnissen in die Poesie flüchtet. Im neuen Film der französischen Regisseure rufen die Protagonisten jetzt endlich zur Revolution auf. So kann es nicht weitergehen!
Das Gespräch findet in der Pariser Stadtvilla von Unifrance statt, der Auslandsagentur des französischen Kinos. Der pompöse Charme des Treffpunkts passt nicht zu den kleinen, anarchischen Filmen der Regisseure, die bei „Der Tag wird kommen“ erstmals eine Digitalkamera verwendeten. Die Aufnahmen der Canon 7d wurden jedoch so bearbeitet, dass sie jetzt die dottergelbe Anmutung von Urlaubsdias besitzen. Doch das Filmbild verweigert jede Idylle. Die körnigen oft aus der Hand gedrehten Einstellungen passen zur Härte der Geschichte. Eine Kriegsreportage wird hier erzählt, eine aus der apokalyptischen Welt der Einkaufsmall am Ende der Stadt.

zur Filmrezension: Der Tag wird kommen

 

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