Kino & Stream

„Im Himmel, unter der Erde“ im Kino

Im Himmel, unter der Erde

Kann man in Deutschland eine Wohlfühl-Dokumentation über einen jüdischen Friedhof drehen? Offensichtlich kann man, jedenfalls hat es die Regisseurin Britta Wauer mit ihrem Film „Im Himmel, unter der Erde“ (Gewinner Panorama Publikumspreis 2011) getan, im Auftrag von Fernsehsendern der ARD. Ob man es in dieser Form allerdings auch tun sollte, steht auf einem anderen Blatt.
Viel vorgenommen hat sich Wauer allemal: Die Auswahl der porträtierten Protagonisten und deren Verbindungslinien zu auf dem Friedhof Berlin-Weißensee bestatteten Verwandten spannt den großen historischen Bogen von der Kaiserzeit, als der Friedhof 1880 eingerichtet wurde, über die Schrecken der Nazi-Ära und den Dornröschenschlaf in der DDR-Zeit bis in die Gegenwart. Doch das eigentlich schlüssige Konzept ist schnell verwässert: Faktisches vermengt sich mit belanglosen Natur­impressionen und Wauers Bemühen, in all den Geschichten stets das Menschelnde und Anekdotische zu finden. Fragen stellt der Film keine, sein Ziel ist eher Unterhaltung denn Anregung zum Nachdenken. Unterstützt wird dies von einer aufdringlichen Musik, die – zwischen weihevoll und mopsfidel oszillierend – gnadenlos über alles hinwegfiedelt.  
Dabei geht es gar nicht darum, hier die Moralkeule zu schwingen und zu behaupten, neben den Millionen von den Nazis ermordeten Juden hätten andere mit dem Friedhof assoziierte Geschichten keinen Platz. Eher schon geht es um eine Frage der Gewichtung, und da steht die kuriose Anekdote mit dem jungen Paar, das mit seinem Kleinkind eine Wohnung auf dem Friedhof bezogen hat, wie gleichberechtigt neben der Nazizeit – auf völlig unangemessene Weise durchdringen sich hier nette Belanglosigkeiten und zentrale Fragen deutschen Selbstverständnisses.
Über die Runden retten den Film allein Protagonisten wie der ungeheuer gelassene und mit staubtrockenem Humor gesegnete Rabbiner William Wolff sowie der Berliner Harry Kindermann, der plastisch von der Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählt, als die Aktivitäten auf dem in jüdischer Selbstverwaltung geführten Friedhof für den damals Jugendlichen ein Stück Normalität repräsentierten, die es außerhalb längst nicht mehr gab, Sport und erste Liebe inklusive.

Text: Lars Penning

Foto: Amelie Losier

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Im Himmel, unter der Erde“ im Kino in Berlin

Im Himmel, unter der Erde, Deutschland 2010; Regie: Britta Wauer; 95 Minuten; FSK 6

Kinostart: 7. April

Mehr über Cookies erfahren