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Im Kino: „12 Years A Slave“

12 Years A Slave

Die unglaubliche Geschichte von Solomon Northup begann 1841 in einer kleinen Stadt im Bundesstaat New York. Der freie Afroamerikaner wurde von zwei Herren angesprochen, die ihn als Musiker für einen Zirkus in Washington gewinnen wollten. Northup schloss sich ihnen an, sie fuhren nach New York und später in die Hauptstadt. Dort nahm die Sache eine grausame Wendung: Am Morgen nach einem gemeinsamen Abendessen fand Northup sich nackt und in Ketten wieder. Alle Versuche, seine bürgerlichen Rechte geltend zu machen, erwiesen sich als aussichtslos. Wenig später wurde er nach Louisiana verkauft, es dauerte zwölf Jahre, bis er sich aus dieser Zwangslage befreien konnte. Ein besonderer Umstand an dieser Geschichte ist, dass Northup selber einen Bericht von seinen Erfahrungen anfertigte, der zu den bedeutendsten Zeugnissen über die nordamerikanische Sklaverei gehört. Sein Buch „12 Years a Slave“ erschien kurz nach Harriett Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“, dem heute klassischen, allerdings auch kontroversen literarischen Text zum Thema. Northup hingegen schreibt dokumentarisch aus erster Hand und besticht durch Beobachtungsgabe und eindringliche Beschreibung der moralischen und körperlichen Gewalt, der er ausgesetzt wird.
Für den Regisseur Steve McQueen war Solomon Northups Bericht eine Offenbarung. „Ich arbeitete an einem Drehbuch zum Thema Sklaverei, kam damit aber nicht so recht voran. Meine Frau machte dann den Vorschlag, ich sollte mir zeitgenössische Texte ansehen, und so kam ich an dieses Buch. Ich war hin und weg, denn hier war alles lebendig geschildert, worüber ich mir den Kopf zerbrochen hatte. Ich konnte es gar nicht fassen, dass außer ein paar Akademikern niemand mehr davon zu wissen schien, dabei handelt es sich doch um ein Dokument vom Range des ‚Tagebuchs der Anne Frank’“, erzählte McQueen im Dezember des vergangenen Jahres in einem telefonischen Interview mit dem tip.
12 Years A SlaveZu diesem Zeitpunkt hatte „12 Years a Slave“ seine Weltpremiere beim Filmfestival in Toronto schon hinter sich, und von der ersten Stunde an war nicht nur das kritische Echo enorm, sondern fiel auch mehr oder weniger in einem Atemzug immer das Stichwort „Oscar“. Der renommierte Künstler McQueen, der davor mit „Hunger“ und „Shame“ zwei kleinere Arbeiten im Arthouse-Segment vorgelegt hatte, hat mit „12 Years a Slave“ plötzlich eine Kategorie erreicht, die Vergleiche mit „Schindlers Liste“ nahelegt. Mit dem beeindruckenden Chiwetel Ejiofor in der Hauptrolle und dem hier ungewöhnlich obsessiv agierenden Michael Fassbender in der tragenden Nebenrolle des Sklavenhalters Epps entwickelt McQueen ein Bild der Sklaverei, das keine beobachtende Distanz erlaubt: „Ich wollte das Publikum auf Gedeih und Verderb hineinwerfen in diese Geschichte“, erläutert McQueen seine Strategie, die in einer mehrminütigen Handkamera-Plansequenz gipfelt, in der Solomon von Epps dazu gezwungen wird, die Sklavin Patsey (Lupita Nyong’o) auszupeitschen. „Wir haben das tatsächlich in einem Stück gedreht, anders hätten wir diese ungeheure Spannung nicht erreicht. Technische Meisterschaft interessiert mich dabei nicht, es muss emotional sein, und wenn ich da schneide, ist die Luft draußen.“
Es ist eine der großen Szenen der neueren Filmgeschichte, die allerdings auch problematisch ist, denn unweigerlich verbindet sich hier ein Darstellungsinteresse mit einer (zu?) starken künstlerischen Geste. McQueen, der bis vor wenigen Jahren noch eindeutig zum Feld der bildenden Kunst gehörte (einer seiner berühmtesten Filme aus dieser Periode ist ein Remake eines Buster-Keaton-Stunts), arbeitet nun mit Stars wie Fassbender oder Brad Pitt, und er macht – als gebürtiger Brite mit westindischen Wurzeln – amerikanische Geschichtspolitik. „Es gibt keine wirkliche Tradition der Repräsentation von Sklaverei. Was wirklich auf den Plantagen los war, das sieht man kaum. Natürlich, es gab die Fernsehserie ‚Roots‘, aber das ist über 30 Jahre her. Amerika konnte diesen dunklen Teil seiner Geschichte lange nicht akzeptieren, heute aber sind sie bereit, sich dem zu stellen.“
12 Years A SlaveDie trotz mancher drastischer Momente doch weitgehend klassische Erzählform von „12 Years a Slave“ steht in einem deutlichen Kontrast gerade auch zu „Django Unchained“, mit dem Quentin Tarantino das Thema kürzlich wieder auf die Agenda gesetzt hat. McQueen sucht den Zugang nicht so sehr über Erzähltraditionen, die Tarantino ironisch überhöht oder verhöhnt. Er orientiert sich an Figuren, wobei Edwin Epps neben dem zum Schweigen verurteilten Leiden von Solomon die extrovertierte Schurkenrolle übernimmt. Eine Auffassung, der McQueen widerspricht: „Epps ist ein Mensch. Er ist zutiefst verliebt in Patsey, aber er kann damit nicht umgehen, und so will er diese Liebe loswerden, und das geht nur, indem er Patsey zerstört. Er liebt eine Sklavin, das zerreißt ihn fast. Ich versuche, Sympathie für Epps zu schaffen. Es gibt das Böse nicht, es gibt nur Menschen.“
Gibt es nach so einem Film noch einen Weg zurück zur Kunst? „Die Frage wird sich von selbst beantworten. Ich mache einfach Sachen, mal erzählerisch, mal poetisch. Mir geht es einzig und allein darum, etwas zu machen, worüber die Menschen reden können. Ich will Gespräche anstiften.“

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Francois Duhamel / TOBIS FILM

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „12 Years A Slave“ im Kino in Berlin

12 Years A Slave?, USA 2013; Regie: Steve McQueen; Darsteller: Chiwetel Ejiofor (Solomon Northup/Platt), Michael Fassbender (Edwin Epps), Lupita Nyong’o (Patsey); 135 Minuten; FSK 12

Kinostart: 16. Januar

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