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Im Kino: „13 Semester“ von Frieder Wittich

In Sachen deutscher Film­komödie ist man Kummer gewohnt. Für „Slow Joe in the Last Row“ überdeutlich ausgespielte Gags, verklemmte Punch­lines, zappelige Darsteller, fehlender Mut: Das teutonische Lachmaterial ist größtenteils zum Heulen. Was dem in Stuttgart geborenen jungen Regisseur Frieder Wittich gelungen ist, grenzt deshalb an ein Wunder: Als Debüt-Spielfilm inszenierte er eine Studentenkomödie. Und zwar eine gute. Wie konnte das passieren?
„Das klassische Popcornkomödienprinzip ist ja: Ein Gag wird aufgebaut, und dann kommt noch einer drauf, und noch einer drauf, und die Kuh wird gemolken bis zum Gehtnichtmehr“, sagt Wittich, während er beim Interview im schnieken Mitte-Hotel Kekse zer­krümelt. „Dass wir so etwas nicht machen wollten, war von vorneherein klar.“ Und damit so etwas auch tatsächlich nicht passiert, schrieb Wittich, der für einen Kurzfilm den „First Steps Award“ der Deutschen Filmakademie zusammen mit einem „Mentoring“ eines Akademiemitglieds bekommen hatte, „Loriot“ als erste Mentorenwahl auf seinen Wunschzettel. So geschah es, dass Wittich und sein Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg, auf dessen Romanentwurf über eigene Studienerfahrungen der Film basiert, den damals 82-jährigen Spitzenhumoristen „bei seinem Lieblingsitaliener in Charlottenburg“ trafen.
„Und dann kam er mit Hut und Stock und einer Drehbuchfassung mit ganz vielen Anmerkungen, und es wurde ein legendärer Nachmittag„, erzählt Wittich. Man begann beim Früchtetee und endete beim Wein, und bei dem sechsstündigen Gespräch blieb Loriot respektvoll in seiner Rolle als Mentor, nicht als Überarbeiter: „Er kam uns nicht mit typischen Loriot-Gags, er sagte: Jungs, ich bin 82, und ihr macht einen Studentenfilm! Wir sprachen stattdessen über generelle Dinge: ‚Wie balanciert man mit den Gags genau auf des Messers Schneide? Wann ist es zu wenig mutig, und wann hat man zu viel Gas gegeben und fällt runter?'“ Letztendlich, sagt Wittich, kannte er vieles bereits von der Filmhochschule her, aber Loriot habe seine Erfahrungen mit der Spaßinszenierung eben auf eine eigene Art vermitteln können. Dabei habe er immer wieder Querverweise aus seinen Filmen und Sketchen gebracht, so dass Wittich später beim Drehen die Worte des ernstesten aller Witzbolde gleichsam „in den Ohren schallten“. Beim Screening des Films vor Loriot waren Wittich und Ziegenbalg allerdings so nervös, dass sie nicht dabei sein konnten. „Danach gingen wir rein, und da saß er, mit seinem Tee und einem Grinsen im Gesicht.“
Die Geschichte um Momo (Max Riemelt) und Dirk (Robert Gwisdek) scheint also auch dem Humorpaten gefallen zu haben. Vielleicht, weil sie viel Grundsätzliches über die zwei Seelen in der Studierendenbrust enthält: Der eine taumelt, nach anfänglichem Ehrgeiz, von Erstsemesterparty zu WG-Besäufnis, von Liebesleid zum schlechten Gewissen wegen versäumter Vor­lesungen. Der andere zieht das Studium durch, lässt seine Diplomarbeit in Wirtschaftsmathematik von einem Unternehmen finanzieren und sitzt mit Mitte 20 im Anzug vor seinem unglücklichen ehemaligen bes­ten Freund, ganz „gemachter Mann“ – keine Skandale, aber auch keine besonderen Vorkommnisse. Bis der Schlawiner Momo ebenfalls zu irgendeiner Art von Studienabschluss oder zumindest -ende kommt, dauert es noch.

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