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Im Kino: „2 Tage New York“

2 Tage New York

Leo McCarey. Die französische Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy hat den klassischen Hollywood-Regisseur in Interviews selbst ins Spiel gebracht als einen, dessen Filme sie sich immer wieder gern ansieht. Und da nennt man in der Öffentlichkeit ja nicht einfach irgendwen und schon gar nicht jemanden, dessen Namen die breite Öffentlichkeit heute kaum mehr kennt. McCarey gehörte zu den großen Meistern der amerikanischen Screwballkomödie, die er im Grunde bereits in seinen Filmen mit dem Stummfilmkomiker Charley Chase in den 1920er-Jahren erfunden hatte: Häusliche Probleme und das Spiel mit den Erwartungshaltungen der Gesellschaft dienten ihm dabei als Ausgangspunkt einer Komik, die auf sich nach dem Schneeballprinzip ins Aberwitzige multiplizierenden Ketten von Missverständnissen beruht und dem armen Opfer keine Möglichkeit zur Erklärung lässt. Ein Prinzip, das heute noch so gut funktioniert wie vor fünfundachtzig Jahren.
2 Tage New YorkZum Beispiel in Julie Delpys neuem Film „2 Tage New York“, mit dem sie inhaltlich locker an ihre charmante Komödie „2 Tage Paris“ aus dem Jahr 2007 anknüpft: Marion (Delpy) lebt nun in New York, und als ihr im Fahrstuhl eine erboste Nachbarin begegnet, die ihr droht, wegen eines von ihrem Sohn zerstörten Briefkastens dafür zu Sorgen, dass sie ihre Wohnung verliert, erfindet die junge Frau in der Not einfach einen Gehirntumor, an dem sie demnächst zu sterben drohe. Was als Ausrede gedacht ist, um der blöden Situation zu entkommen, erweist sich im Eiltempo als Bumerang: Zufällig ist der Gatte der Nachbarin ein Spezialist für Hirntumore, der allzu gern (und aufdringlich) helfen möchte, und Marions ahnungsloser Freund Mingus (Chris Rock) fällt aus allen Wolken, als er die vermeintlich schlechte Nachricht vernimmt. Schließlich verhilft das Gerücht ihres nahen Todes Marion auch noch zu einem unverhofften Erfolg ihrer gerade eröffneten Kunstausstellung.
Die Verwicklungen um den vermeintlichen Gehirntumor gehören zu den lustigsten Momenten von „2 Tage New York“, doch nicht allein die Mechanik der Screwballkomödie findet sich in Julie Delpys Filmen wieder. Auch ihre Herangehensweise an das Schreiben und Inszenieren erinnert stark an McCarey, der seine Filme meist Szene für Szene um die jeweiligen Filmfiguren aufbaute, am Set gern improvisierte – und die Gesamtkonstruktion des Filmplots dabei leicht einmal aus den Augen verlor.  
McCarey verdankte diese Herangehensweise seiner Arbeit an den kurzen Slapstickkomödien des Hal-Roach-Studios, bei Delpy sind die Ursprünge hingegen eher in ihrer Arbeit als Schauspielerin zu suchen: Auch zwei ihrer größten Erfolge, „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) von Richard Linklater funktionieren auf ähnliche Weise. In jedem Fall aber sind die Notwendigkeiten (und Fallen) einer solchen Arbeitsweise dieselben: Man benötigt schlüssig geschriebene Charaktere, starke Situationen, gute Schauspieler und witzige Dialoge, um das tatsächliche Fehlen eines Plots zu überspielen.
2 Tage New YorkDoch das gelingt Julie Delpy zurzeit nur bedingt. Zunächst einmal setzt die Regisseurin mit Recht auf ihren eigenen Charme als Darstellerin, auf ihre Fähigkeit, ebenso starke wie leicht neurotische Figuren liebenswert auf die Leinwand zu bannen. Eine Szene, in der sie ihre bei der Kunstausstellung versteigerte Seele vom Käufer, dem sich selbst spielenden Schauspieler Vincent Gallo, zurückzuerlangen versucht, ist ein Meisterstück abstrusen Humors. Aber die vermeintliche Notwendigkeit, auch Chris Rock quasselige Soloauftritte zu gönnen (er führt ziemlich witzlose Gespräche mit einem Papp-Obama), und die Vielzahl anderer – nicht immer starker – Figuren (damit kämpft auch Delpys vorheriger Film, die Familien- und Gesellschaftskomödie „Familientreffen mit Hindernissen“, die bei uns am 9. August in die Kinos kommt) führen leicht zu einem Verzetteln in Nebensächlichkeiten. Sie können die schwache Ausgangssituation, den wenig witzigen Kampf der Kulturen zwischen Mingus und Marions französischer Verwandtschaft auf New-York-Besuch, nicht immer vergessen machen. Allerdings muss einem um Julie Delpy nicht bange sein, das Potenzial ist allemal da, und auf ihre nächsten Filme darf man gespannt sein.

Text: Lars Penning

Fotos: Senator Film Verleih

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „2 Tage New York“ im Kino in Berlin

2 Tage New York (2 Days in New York), Frankreich/Deutschland/Belgien 2012; Regie: Julie Delpy; Darsteller: Julie Delpy (Marion), Chris Rock (Mingus), Albert Delpy (Jeannot); 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 5. Juli

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