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Im Kino: „Alles steht Kopf“

Alles steht Kopf

In letzter Zeit hatte das Image des Pixar-Studios kleine Kratzer bekommen. Viele Jahre hatte man sich stets darauf verlassen können, dass Pixar mit jedem Film neue Welten erkundete und auf originelle Weise dem Geschichtenerzählen ungewöhnliche Perspektiven abrang. Doch mit der Übernahme der Animationsfilmschmiede aus Emeryville, Kalifornien durch den ehemaligen Vertriebspartner Disney im Jahr 2005 hielt letztlich eine andere Geschäftsstrategie Einzug. Vor allem gewannen die zuvor eher verpönten Sequels plötzlich an Bedeutung – und obwohl Pixar bis heute keinen richtig schlechten Film produziert hat, gehörten Filme wie „Cars 2“ (2011) und „Die Monster Uni“ (2013) auch nicht gerade zu den Großtaten des Studios. Dass Pixarchef John Lasseter im Zuge der Übernahme durch Disney zum Boss der gesamten Animationssparte ernannt wurde, verwischte zeitweise gar die Grenzen zwischen den Disney- und Pixarprodukten.
Doch jetzt rückt „Alles steht Kopf“ die Verhältnisse wieder zurecht: Ein Animationsfilm, der den Gefühlen im Kopf eines elfjährigen Mädchens Körper verleiht, Denkprozesse als irren Trip durch wie Spielautomaten aussehende Teile des Gehirns darstellt und die menschliche Persönlichkeit aus ebenso fragilen wie surrealen Jahrmarktsinseln zusammensetzt, kann tatsächlich nur von Pixar stammen, wo man den alten Schwung offenbar ein Stück weit zurückgewonnen hat.
Pete Docter („Die Monster AG“, „Oben“), einer der führenden Kreativ-Köpfe von Pixar, und sein Ko-Regisseur Ronnie del Carmen erzählen in „Alles steht Kopf“ die Geschichte der elfjährigen Riley und ihrer Emotionen: Während Riley mit den Folgen eines Umzugs und dem nahenden Ende der Kindheit zu kämpfen hat, geraten Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst in der Kommandozentrale von Rileys Hirn angesichts der neuen Situation in helle Aufregung. Insbesondere die stets energisch positiv gestimmte Freude, die bislang die Führungsposition der Emotionen inne hatte, versteht die Welt nun nicht mehr. Erst ein unfreiwilliger Trip mit der lethargisch-traurigen Kollegin Kummer durch die Tiefen von Rileys Bewusstsein lässt sie letztlich die Bedeutung der anderen Emotionen und der sich verändernden Erinnerungen erkennen.
Der Film pendelt zwischen der äußeren und inneren Welt hin und her, legt dabei aber sein Hauptaugenmerk auf die durchaus von wissenschaftlichen Erkenntnissen inspirierten Erlebnisse von Freude und Kummer, die auf ihrer Reise durch Rileys Langzeitgedächtnis immer stärker aufeinander angewiesen sind. Die Doppelhelix als Treppengeländer ist dabei ein ebenso brillanter Einfall wie die plötzlich auftretende Dekonstruktion der Figuren, die eine gefährliche Abkürzung genommen haben und dabei ins abstrakte Denken geraten sind.
Für Kinder dürfte „Alles steht Kopf“ der vermutlich am schwersten zu verstehende Pixarfilm sein, doch der offenbar ungebrochene Glaube des Studios an die emotionale Intelligenz des Nachwuchses und das fantastische Timing des Films, der mühelos zwischen Komik, Melancholie und genialischen Momenten wechselt, hat unbedingt etwas für sich. Dass ganz nebenbei in Rileys Hirn ein Disney-Zuckerbäckerschloss zertrümmert wird und dem Vergessen anheimfällt, ist natürlich kein Zufall.

Text: Lars Penning

Foto: ©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Orte und Zeiten: „Alles steht Kopf“ im Kino in Berlin

Alles steht Kopf (Inside Out), USA 2015; Regie: Pete Docter, Ronnie del Carmen; Stimmen OF: Amy Poehler (Freude), Phyllis Smith (Kummer), Richard Kind (Bing Bong); 95 Minuten

Kinostart: Do, 01. Oktober 2015

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