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Im Kino: „Alois Nebel“

Alois Nebel

Mit dem Animationsfilm für Erwachsene hat es das deutsche Publikum ja bekanntlich nicht so, und auch Graphic Novels, die Comics für jene, die dem Kindesalter bereits entwachsen sind, fristen noch immer ein eher undergroundiges Schattendasein auf dem literarischen Markt unseres Landes. Alte Vorurteile und Denkweisen schwinden eben nur langsam.
Insofern erscheint es nicht eben massenkompatibel, was da jetzt mit „Alois Nebel“ aus Tschechien auf uns zukommt: ein düsterer schwarz-weißer Animationsfilm nach einer Graphic Novel von ?Jaroslav Rudiљ und Jaromнr Љvejdнk aka Jaromнr 99, der in der Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Ausgangspunkt findet für eine Geschichte um einen schweigsamen Eisenbahner, der in der Wendezeit von 1989 von Visionen unbewältigter Ereignisse seiner Kindheit heimge?sucht wird.  
Auch in Tschechien war der in drei Bänden 2003, 2004 und 2005 erschienene Comic ursprünglich Underground, doch mittlerweile haben sich das Buch und die Verfilmung, die 2012 den Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm gewann, dort zu echten Publikumsrennern entwickelt. Offenbar traf „Alois Nebel“ in dem Land, in dem man die Vertreibung der Deutschen lange Zeit mit einem Tabu belegt hatte, einen Nerv. Inzwischen gibt es sogar einen regelrechten „Alois Nebel“-Tourismus in das Gebiet des Altvatergebirges an der tschechisch-polnischen Grenze, wo sich die Geschichte im fiktiven Ort Bнlэ Potok zuträgt.
Trotz seines Themas bietet der im Rotoskopieverfahren (bei dem die Szenen zunächst als Realfilm gedreht und dann zum Abzeichnen Bild für Bild auf eine Mattglasscheibe projiziert werden) entstandene Film deutschen Revanchisten keine Angriffsfläche, vielmehr entwirft „Alois Nebel“ ein überaus komplexes Geflecht von Figuren, die sich mit unterschiedlichem Geschick und sehr verschiedenen Moralvorstellungen durch die Zeitläufe (Nachkriegszeit, Kommunismus, Wendezeit) lavieren.
Für Alois Nebel aber gilt, worauf Regisseur Tomбs Lunбk stets gerne hinweist: Liest man das Wort Nebel rückwärts, dann bedeutet es Leben. Und ein solches neues Leben kann auch Alois nach erfolgreicher Bewältigung der Vergangenheit beginnen: mit Kveta, der patenten Klofrau vom Prager Hauptbahnhof.

Text: Lars Penning

Foto: Neue Visionen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Alois Nebel“ im Kino in Berlin

Alois Nebel?, Tschechien/Deutschland/Slowakei 2011; Regie: Tomбs Lunбk; ?Stimmen OF: Miroslav Krobot (Alois Nebel), Marie Ludvнkovб (Kveta), Leos Noha (Wachek); 84 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 12. Dezember

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