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Im Kino: „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer

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„Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums, und ich habe kein Leben mehr.“ Mit dieser drastischen Beschwerde wandte sich Yakamoz Karakurt vor einer Weile an die Öffentlichkeit. Sie hat das Gefühl, dass die Schule nicht mehr der Bildung dient, sondern dass das Lernen sich verselbstständigt hat. Es wird zu viel verlangt, und oft nicht das, worauf es wirklich ankommt. „Mein Kopf ist zu voll.“ Yakamoz Karakurt verweist auf eine Einseitigkeit, von der das Bildungssystem in vielen Ländern geprägt ist. Es ist, wie könnte es anders sein, ein Spiegel dessen, was in den heutigen Gesellschaften zählt. Es steht unter dem Druck von PISA-Studien und einer generel­len Idee von Leistung und Effizienz, die schon bei Grundschülern Stress auslöst. Für den österreichischen Filmemacher Erwin Wagenhofer ist die Sache klar: Wer die Welt verändern will, muss bei der Bildung ansetzen.

Davon handelt sein neuer Film „Alphabet“, den man als Schlussfolgerung aus seinen beiden wirtschaftskritischen Erfolgstiteln „Let’s Make Money“ und „We Feed the World“ sehen kann. Auch hier kommen wieder einige Vertreter des bedingungslosen Leistungsdenkens zu Wort, wie man sie in Kaderschmieden der internationalen Consul­ting-Giganten besonders häufig antrifft – betriebsblinde Verfechter einer einseitigen Profitlogik werden dort gebraucht, und die Schulen in aller Welt erwecken für Wagenhofer zunehmend den Eindruck, dass sie vor allem für solche Betriebe ausbilden. Er beginnt mit seinen Beobachtungen nicht zufällig in China, wo die Kinder zu Prüfungsrobotern werden unter dem enormen Druck der Zulassungs­prüfungen zu den Universitäten, bei denen es aber um sehr beschränkte Wissens­abfrage geht. Dem steht die Generalthese des Films entgegen: dass nämlich jedes Kind im Grunde genial ist, dass aber die verschiedenen Pägagogiken diese Fähigkeiten verkümmern lassen, weil sie nicht gefördert werden.

Wagenhofer zeigt an einem besonders deutlichen Beispiel, was bei entsprechender Offenheit möglich wäre: Der Spanier Pablo Pineda Ferrer hat das Down-Syndrom, und trotzdem hat er es geschafft, die Schule abzuschließen und Psychologie zu studieren. Er hat das „Konzept der Angst“ überwunden, von dem die Lernkulturen häufig geprägt sind. Ebenfalls sehr interessant als Gesprächspartner ist Thomas Sattelberger, langjähriger Personalchef der Deutschen Telekom, der sehr schön verkörpert, dass die Wirtschaft kein homogenes System ist, sondern sehr wohl auch aus sich heraus neue Ideen entwickeln kann. Denn einer der Punkte, auf die Wagenhofer nicht eingeht, betrifft ja gerade die Vermittlung zwischen zweckgerichteter und freier Intelligenz. Die Komplexität moderner Gesellschaften, die in „Alphabet“ latent unterschätzt wird, erfordert eben bestimmte Einseitigkeiten, zum Beispiel im Computerbereich, den Wagenhofer nicht zufällig nahezu vollständig ausblendet. Stattdessen konzentriert er sich sehr stark auf die Familie Stern, einen Maltherapeuten und seine Frau, deren frei erzogener Sohn heute als Gitarrenbauer lebt. Dieses Lebensmodell ist allerdings nur bis zu einem gewissen Grad verallgemeinerbar.

In seiner filmischen Form ist „Alphabet“ vor allem ein Sprechfilm. Wir lernen Menschen kennen, und aus dem Konzert ihrer Stimmen entsteht ein Argumentationszusammenhang, der sich als Plädoyer für eine gänzlich andere Talentförderung verstehen lässt. Notwendiger­weise bleibt bei so einem allgemeinen Ansatz das eigentlich dokumentarische Interesse auf der Strecke. Wie sich Bildungskulturen spezifisch entwickeln, wäre zum Beispiel in China einen näheren Blick wert gewesen – doch Wagenhofer belässt es hier im Grunde bei den Klischees. Das ist bis zu einem gewissen Grad unausweichlich, weil es ihm um eine relativ einfache und klare Botschaft geht, für die er alles heranzieht, was ihm eben so plausibel erschien. Man wird „Alphabet“ also am ehesten gerecht, wenn man ihn nicht as Dokumentarfilm versteht, sondern als Plädoyer, als eine Rede an die Welt mit Bildeinspielungen. Zugespitzt: eine neunzigminütige Powerpoint-Präsenta­tion. Doch spricht sehr viel dafür, dass Wagenhofer mit seinem Plädoyer einen wichtigen Punkt trifft. Deswegen ist „Alphabet“ auf jeden Fall sehenswert.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Pandora Film GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Alphabet Österreich/Deutschland 2013; Regie: Erwin Wagenhofer; 113 Minuten; FSK 0

Kinostart: 31. Oktober

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