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Im Kino: „Am Ende der Milchstraße“

Am Ende der Milchstraße

Minutenlange Standbilder eines leeren Mastbetriebes aus DDR-Zeiten und die weite Aussicht über das flache Land. Es ist still. Mittendrin steht das rostige Gestell einer Wäscheleine, hinter der die wilde Natur sprießt. Plötzlich galoppieren wie in einem Traum zwei Pferde mit wehender Mähne vorbei. Naturidyll und postsozialistischer Zerfall liegen nahe beieinander in diesem 50-Seelen-Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in dem es weder Kneipen noch Geschäfte gibt. Die Bewohner haben mit Arbeitslosigkeit und Einwohnerschwund zu kämpfen. Es sind diejenigen, die nach der Wende auf der Strecke geblieben sind, und sie äußern ihre Wut und Enttäuschung gegenüber der Politik, von der sie sich im Stich gelassen fühlen.
Da ist beispielsweise Maik, der wieder bei seiner Mutter eingezogen ist und für eine Zeitarbeitsfirma arbeitet. Weil er sich weigert, weiterhin für einen Stundenlohn von 6,70 Euro zu arbeiten, und über ein besseres Gehalt verhandeln will, wird er entlassen. Harry, der seit Jahren arbeitslos ist, bekommt Arbeitsangebote als Schweißer, die er mit seiner Ausbildung zum Dreher nicht ausüben kann. Er hält die Initiativen der Agentur für Arbeit ohnehin für ein Mittel, um die „am untersten Rand der Gesellschaft auch dort zu halten“, und glaubt nicht daran, wieder Arbeit zu finden. Trotz der wirtschaftlichen Misere und persönlichen Krisengeschichten haben sich einige dazu entschieden, zu bleiben. Sie fühlen sich diesem Ort und seinen Menschen verbunden und weigern sich, ihr Zuhause aufzugeben. Zusammenarbeit und Tauschwirtschaft gehören zum Alltag: Obwohl Harry arbeitslos ist, gibt es für ihn als Techniker genug zu tun, statt Geld bekommt er von den Nachbarn andere Gegenleistungen. Für die Bewohner ist die gegenseitige Hilfe eine Selbstverständlichkeit, aber sie wissen auch, dass es anders nicht geht.
Der Film porträtiert Menschen, die sich von den schwierigen Lebensbedingungen nicht unterkriegen lassen und die Solidarität als Überlebenskonzept praktizieren. Er spricht ein Problem der neuen Bundesländer an, das altbekannt ist und das gerne von der Politik und den Medien vernachlässigt wird, außer wenn es um Negativschlagzeilen über rechtsextreme Tendenzen geht.

Text: Siyuan He

Foto: Neue Visionen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Am Ende der Milchstraße“ im Kino in Berlin

Am Ende der Milchstraße?, Deutschland 2012; Regie: Leopold Grün, Dirk Uhlig; 97 Minuten; FSK 6

Kinostart: 24. Oktober 2013

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