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Im Kino: „Amelia“

ameliaAm 2. Juni 1937 verschwand die „Elektra“ spurlos auf dem Weg von Neuguinea über dem Pazifik in der Nähe der Howard Island. Die Maschine der Flugpionierin Amelia Earhart, die die entscheidende Etappe ihrer Weltumrundung gewagt hatte, riss die 39-jährige Pilotin und ihren Navigator mit ins Grab. Earhart war die erste Frau, die den Atlantik überquerte (als Passagierin), die erste, der das zweimal gelang (da endlich als Pilotin), Galionsfigur für eine kleine Massenbewegung von fliegenden Frauen und  auch sonst allen möglichen Abenteuern zugetan. Doch so weichgespült, wie nun Mira Nair („Salaam Bombay!“) ihre Geschichte in „Amelia“ erzählt, könnte man meinen, es ginge vor allem darum, ihre spektakulären Unternehmungen in einen Rahmen einzuordnen, der ihnen die Kühnheit gleich wieder nimmt.

Es ist nicht der erste Film, der sich an die Aktivitäten dieser Pilotin anlehnt. Schon 1933 ließ sich „Christopher Strong„, inszeniert von Dorothy Arzner, die als Regisseurin selbst eine Ausnahmefigur im männerdominierten Hollywoodgeschäft war, von dieser neuen, hochbeschleunigten Frauenbewegung inspirieren. Arzners Film, der ein Jahr nach Earharts Soloatlantiküberquerung von 1932, also auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes in die Kinos kam, betreibt ein Doppelspiel innerhalb der eigentlich konservativen Erzählung. Katharine Hepburn spielt eine ehrgeizige Rekordfliegerin, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann beginnt. Ihren Star-Auftritt hat sie in einem hautengen, aus tausenden Silber-Pailletten gefertigten Ganzkörper-Insektenanzug, der aerodynamische Verlockung und panzerner Fetisch zugleich ist. Sogar dem melodramatischen Selbstmord ihrer Figur verleiht Arzner noch Zeichen weiblicher Souveränität: Die
Pilotin stirbt in „Christopher Strong“ beim Aufstellen eines neuen Höhenweltrekordes.

ameliaMira Nairs „Amelia“, der 77 Jahre später wesentlich näher an den Fakten die Stationen von Amelia Earharts Leben als Emanzipationsdrama nachzeichnen will, wirkt nicht nur im Vergleich mit „Christopher Strong“ erstaunlich anachronistisch und ungelenk. „Amelia“ ist selbst Opfer eines in die andere Richtung gehenden Doppelspiels, in dem die eigentlich progressive, solitäre Figur doch immer wieder nur bei der schwierigen Paarbildung betrachtet wird. Nairs Heldin, die Hilary Swank  mit einer gewissen Steifheit spielt, gewinnt selbst in der offenen Ehe nicht an Freiheit. Vor allem führen diese Episoden dazu, dass Richard Gere in der uninteressanten Rolle des Impresarios und Ehemanns ungebührlich viel Zeit auf der Leinwand beansprucht. Er hat gewissermaßen das letzte Wort, und den letzten Blick – nicht die Frau, die sich auf ihrer Reise um die Welt Unabhängigkeit wünscht und sagt: „Ich kann mir ein erfülltes Leben nur alleine vorstellen“. Dass das finale Abenteuer über dem pazifischen Ozean größere Eindringlichkeit hat als alle Erfolge davor, ist vielleicht der einzige, bittere Triumph, den Film und Figur wirklich teilen. „Keine Grenze, nur Horizont, vollkommene Freiheit“ ist die Devise, die Nair nur im Moment des Scheiterns einlösen kann.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Amelia“ im Kino in Berlin 

Amelia, USA 2009; Regie: Mira Nair; Darsteller: Hilary Swank (Amelia Earhart), Richard Gere (George Putnam), Ewan McGregor (Gene Vidal); 120 Minuten

Kinostart: 17. Juni

NEUSTARTS IN BERLIN

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