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Im Kino: „Angиle und Tony“

Angиle und Tony

Macht es etwas aus, dass dieser Film seine Figuren und den Zuschauer erst einmal auf dem falschen Fuß erwischt? Es scheint ihn nicht zu genieren, denn vorerst buhlt er nicht um Sympathie, weder für sich selbst noch für seine Helden. Angиle lernen wir kennen, als sie mit einem Fremden schläft, kalt und gleichgültig ist die Lust, die sie einander bereiten. Der Mann hat ihr dafür eine Spielzeugfigur versprochen, mit der sie die Sympathie ihres Sohnes zurückgewinnen will, der lieber bei seinen Großeltern lebt. Es sind langsame Prozesse der Annäherung, von denen die ehemalige Fotojournalistin Alix Delaporte in ihrem Langfilmdebüt erzählt. Angиle saß zwei Jahre im Gefängnis. Um das Sorgerecht für den kleinen Yohan zu bekommen, braucht sie eine Arbeit. Es würde ihre Aussichten noch erheblich verbessern, wenn sie in einer festen, tragfähigen Beziehung wäre. Bei Tony (Grйgory Gadebois) könnte sie vielleicht beides finden. Aber bei ihrer ersten Begegnung sind beide brüsk und abweisend. Der schweigsame Fischer ist zu verletzbar, um sich auf eine Liebe einzulassen, bei der er nicht gemeint ist, und klug genug, ihre erotischen Avancen erst einmal abzuweisen. Der Film ist bereits eine Dreiviertelstunde alt, als es den ersten entspannten Moment zwischen ihnen gibt. Als sie zum ersten Mal miteinander schlafen, laufen im Hintergrund Proben für eine Schulaufführung von „Schneewittchen“, dem Märchen, in dem es um das Erwachen in einer neuen Gemeinschaft geht.
Wie so viele der schönsten Liebesgeschichten ist auch diese eine unverhoffte. Sie schöpft ihre Dynamik aus der Diskrepanz, der Wette gegen die Unvereinbarkeit. Schon äußerlich sind Angиle und Tony nicht füreinander geschaffen. Sie ist gertenschlank wie eine Frau, die zu wenig Acht auf sich gibt; man kann sie schön nennen. Er hat schütteres Haar, sein Leib ist von redlicher Korpulenz.  Aber gemeinsam lernen sie etwas, das die Anfangsszene noch zu dementieren schien: Die Liebe beruht nicht auf Gegenleistung.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Angиle und Tony“ im Kino in Berlin

Angйle und Tony (Angиle et tony), Frankreich 2010; Regie: Alix Delaporte; Darsteller: Clotilde Hesme (Angиle), Grйgory Gadebois (Tony), Evelyne Didi (Myriam); 83 Minuten; FSK 6

Kinostart: 4. August

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