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Im Kino: „Art/Violence“

Im palästinensischen Flüchtlingscamp Jenin bringt eine Schauspieltruppe „Alice im Wunderland“ auf die Bühne. Mariam Abu Khaled und Batoul Taleb spielen das Stück Weltliteratur vor zweihundert Mädchen und Jungen, die kaum anderes als ihre Lagerwelt kennen. Alices Ausbruch aus der Norm steckt für die jungen Darstellerinnen voller Anspielungen auf ihren Traum, sich unter der Mauer, die das Westjor-danland abschottet, wie im Kaninchenloch davonmachen zu können: Raus aus der Perspektivlosigkeit und alltäglichen Gewalt, weg vom Grabenkrieg zwischen israelischen Besatzungskommandos und militanten palästinensischen Widerständlern.
Freiheit ist das verzweifelt überschwängliche, oft wiederholte Losungswort der Dokumentarcollage „Art/Violence“, in der sich die beiden Schauspielerinnen, der Regisseur Udi Aloni und eine Handvoll Gefährten Mut machen, das Freedom Theatre in Jenin fortzuführen. Am 4. April 2011 wurde Juliano Mer-Khamis, der charismatische Gründer des Theaters, ermordet. Weder die israelischen noch die palästinensischen Behörden zeigen bislang Interesse, den Spuren des maskierten Täters nachzugehen, der den Regisseur aus nächster Nähe erschoss.
Das Netz kolportiert Gerüchte, wonach er wegen seines modernen Kulturverständnisses den Traditionalisten im Camp ein Dorn im Auge gewesen sei, andere vermuten einen israelischen Hintergrund, weil Mer-Khamis seinem Land Apartheid vorhielt und die Idee eines gemeinsamen föderalen israelisch-palästinensischen Staates verfocht. Der Sohn einer antizionistischen jüdischen Mutter und eines kommunistischen Vaters mit christlich-palästinensischen Wurzeln beschrieb sich als „100 Prozent Palästinenser und 100 Prozent Jude“. Seit 2002 führte er in Jenin das traumatherapeutische Theater seiner Mutter mit Kindern der ersten Intifada fort und drehte den Film „Arnas Kinder“ darüber. Das Freedom Theatre entwickelte sich zu einem Community-Center mit multimedialen Unterrichtsangeboten. „Waiting for Godot“, Mer-Khamis’ letzte, von Udi Aloni fortgeführte Regie-Arbeit, gastierte 2012 in Berlin.
„Art/Violence“ kommentiert die Umstände des Mordes nicht. Der Film ist eine Elegie, Hommage, Geisterbeschwörung und hypnotische Selbstvergewisserung der Freundesgruppe. Wacklige Aufführungsmitschnitte, Gespräche mit Kollegen und Familienmitgliedern, eine Busreise zu palästinensischen Kindern in Israel, deren Familienhäuser von israelischen Truppen zerstört worden waren, ein Besuch am Grab des Ermordeten, programmatische Statements, immer wieder HipHop-Songs mit animierten Grafiken ergeben ein kantiges Puzzle, ein heftiges Stimmungsbild der Trauer und unzerstörbaren Energie. Es soll weitergehen, auch wenn den Zuschauern schwer zu vermitteln ist, dass Frauen und Männer gemeinsam auf der Bühne stehen.

Text: Claudia Lenssen

Foto: Amnon Zlait

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Art/Violence“ im Kino in Berlin

Art/Violence, ?Palästina/USA 2013; Regie: Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled; 77 Minuten; FSK 12

Kinostart: 17. Oktober

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