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Im Kino: „Atmen“

Atmen

Roman, 19, ist Häftling. Das Leben im Gefängnis hat ihn unzugänglich gemacht. Er spricht kaum, deklariert sich nicht. Er tut, was von ihm verlangt wird, nicht mehr. Um auf Bewährung freizukommen, muss er einen Job finden. Ein Wiener Bestattungsunternehmen, das ihm schließlich zugeteilt wird, scheint ihm die letzte Chance zu sein. Er braucht eine Weile, um sich an die Arbeit mit den Toten zu gewöhnen – und an die Idee, dass auch seine Mutter, die ihn einst im Stich ließ, nicht mehr leben könnte. Er beginnt sie zu suchen. Der Tod dringt in vielfacher Weise in das Leben des Protagonisten ein: als Arbeitsroutine und Geruch, der ihm am Körper haftet, vor allem aber als Gedanke, als Möglichkeit, die ihn für immer von seiner Mutter trennen könnte.
Der Film „Atmen“ zeigt einen Seitenwechsel an: Karl Markovics, der auch das Drehbuch dieser Arbeit verfasst hat, demonstriert in seinem Debüt als Filmregisseur erstaunliche Sicherheit. Markovics, als Fernseh-, Bühnen- und Filmschauspieler bekannt (vor allem aus Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“, 2007), hat sich denkbar schwierige, nämlich existenzielle Themen vorgenommen – und gut daran getan, in seinem ersten eigenen Film nicht auch selbst aufzutreten. Man kann die Konzentration auf das Wesentliche spüren, aus der „Atmen“ entstanden ist, die Genauigkeit und Zurückhaltung, die hier zum Tragen kommt. Die Akteure (Thomas Schubert, Karin Lischka, Georg Friedrich) sind gut geführt, und Martin Gschlachts kühle Kamera-Arbeit kommt jenem Naturalismus sehr entgegen, auf den Markovics zielt. Ganz nebenbei gelingen ihm ein paar großartige Szenen, die man nicht leicht wieder aus dem Kopf kriegt. Dennoch: Der Film verspricht in seiner ersten halben Stunde mehr, als er danach halten kann. Das Gefühl, dass sich Markovics’ Inszenierung, während sie noch läuft, von genuinem Kino zum guten Fernsehspiel zurückentwickelt, wird man nicht los. Die zarte, aber unnötige Sentimentalität der Musik blockiert der Entfaltung jener Größe, die „Atmen“ eigentlich besitzt: als seriös konzipierte, intelligente Arbeit, deren Pragmatismus im deutschsprachigen Kino schon eine Rarität ist.

Text: Stefan Grissemann

Foto: Thimfilm

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Atmen“ im Kino in Berlin

Atmen, Österreich 2011; Regie: Karl Markovics; Darsteller: Thomas Schubert (Roman Kogler), Karin Lischka (Margit Kogler), Gerhard Liebmann (Walter Fakler); 90 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 8. Dezember

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