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Im Kino: Axel Ranischs „Ich fühl mich Disco“

Ich_fuehl_mich_Disco_11_c_DennisPauls_EditionSalzgeberMit seinem Debütfilm „Dicke Mädchen“ hat Axel Ranisch im vorigen Jahr einen Indie-Hit gelandet. Mit nur ein paar Hundert Euro und einer Crew aus Freunden und Familie gedreht, entwickelte sich die liebens­werte Komödie über eine drollige Männerfreundschaft und die pflege­bedürftige Mutti eines der beiden zum Renner: Mit Preisen bedacht lief der Abschlussfilm des HFF-Regiestudenten noch monate­lang in Berliner Programmkinos. Ein Erfolg, der ihn selbst am meisten überraschte. Denn wäre alles streng nach Plan gelaufen, wäre nicht „Dicke Mädchen“ Ranischs offizielles Filmdebüt geworden, sondern ein anderer Film: „Ich fühl mich Disco“. Doch die Arbeit an der Coming-out-Geschichte um einen sensiblen, pummeligen Jungen und seinen sportbegeisterten, impulsiven Vater brauchte mehr Entwicklungszeit als gedacht, außerdem gab es eine mittlere Krise, in der Ranisch das sehr persönlich gefärbte Projekt abbrach.

Nun ist der Film doch noch fertiggeworden. Erzählt wird vom verträumten 14-jährigen Flori, der glücklich ist, wenn er mit seiner humorvollen Mutter in der heimischen Plattenbauwohnung im Wohnzimmer zu Schlagern tanzt. Unverstanden fühlt er sich dagegen von seinem Vater Hanno, einem Trainer für Wasserspringen, der den Sohn zu einem echten Mann machen will, der Moped fährt und furchtlos vom Zehn-Meter-Turm springt. Nach einem Schicksalsschlag sind die beiden gezwungen, irgendwie zueinanderzufinden. Die Hauptrolle des rauen, aber herzlichen Papas übernimmt Ranischs Stammschauspieler Heiko Pinkowski, schon als Protagonist in „Dicke Mädchen“ großartig. In der Rolle seines Sohnes ist der junge Frithjof Gawenda zu sehen, der erstmals vor der Kamera stand.

Dass alles so viel länger dauerte, fünf Jahre zog sich die Drehbuch­entwicklung hin, sei rückblickend „schon richtig“, erzählt Ranisch im Gespräch, zu dem er zu sich nach Hause eingeladen hat: in diesel­be sonnige Wohnung mit Balkon im Plattenbauviertel in Lichtenberg, in der er als Kind aufgewachsen ist. Der Blick weist auf einen Sconto-Discounter und einen Toom-Markt, nach hinten raus reihen sich Blocks von Plattenbauten anein­ander. „Meine Heimat“, merkt Ranisch fröhlich an. In Lichtenberg spielten viele Szenen aus „Dicke Mädchen“, in nächster Umgebung seiner Wohnung fand er auch seine Motive für „Ich fühl mich Disco“: vom See im Park um die Ecke, an dem die beiden Filmjungs mitein­ander herumtollen, bis zum Trainings­schwimmbad im Velodrom, in dem die Szenen spielen, in denen der Vater seinen übergewichtigen Sohn unbedingt dazu bringen will, vor Zuschauern vom Zehn-Meter-Turm zu springen und ihn damit demü­tigt. Andererseits ist es auch der Papa, der überraschend verständnis­voll mit der Erkenntnis umgeht, dass sein Sohn schwul ist. Axel Ranisch hat sein eigenes Coming-out ganz ähnlich erlebt. „Das Drehbuch hatte sich irgendwann in eine Richtung entwickelt, die ich nicht wollte“, erinnert sich Ranisch, „ich merkte: Das ist nicht mehr meins.“

Ich_fuehl_mich_Disco_01_c_EditionSalzgeberDamals schmiss er das als Abschluss­film geplante Projekt hin, zog sich zurück und beschloss, erst mal einen Film zu drehen – und zwar unkompliziert. So entstand mal eben „Dicke Mädchen“. Einen schnellen Film ohne Vorbereitung und Budget zu machen, damit kannte sich Ranisch aus. Während seines Studiums drehte er nebenher in den Semesterferien immer auch kleine No-Budget-Streifen mit Freunden. „‚Ferienfilme‘ habe ich die genannt“, erzählt er, „mir fiel später auf, dass mir bei meinen größeren Filmen, die so schön ausgearbeitet waren, das Schauspiel nie so gut gefiel wie in diesen kleinen Filmen. Denn dieses Reiten auf den Momenten des Augenblicks, wie ich es nenne, hat immer einen Zauber. Da muss man die Bereitschaft haben, das mitzunehmen und die Kamera anzulassen. Sonst geht es verloren.“

Nach „Dicke Mädchen“ gingen die Dinge plötzlich einfach. Eine der Produzentinnen des auf Eis gelegten Filmprojekts machte Ranisch einen Vorschlag: ob man es nicht noch mal ohne Drehbuch probieren wolle. Darüber brauchte er nicht lang nachzudenken. „Das Problem an Drehbüchern sind die Dialoge“, sagt der Schüler von Rosa von Praunheim. „Ich finde es ein­fach bescheuert, sich am Schreibtisch auszudenken, was die Leute sagen. Ich kenne ja auch die Seite als Schauspieler, ich hab in meinen Kurzfilmen selbst viel gespielt. Da gibt es viel Text zu lernen, und im Vorfeld trifft man sich nie.“

Bei seinen eigenen Filmen sei die Figurenarbeit „das Allerwichtigste“. Wochenlang hätten sich Regisseur und Schauspieler mit den Figuren beschäftigt, gemeinsam gesponnen und Probedrehs gemacht. „Wenn zum Beispiel Christina Große und Heiko Pinkowski ein Ehepaar spielen, das seit 18 Jahren verheiratet ist, dann müssen die beiden alles wissen über diese Beziehung“, so Ranisch. „Wann sie sich kennengelernt haben, wohin sie in Urlaub gefahren sind und wie es war, als sie zum ersten Mal die Schwiegereltern kennengelernt haben, welche Rituale sie haben und wie sie riechen. Wenn sie das alles wissen, haben sie so viel Ahnung von ihrer Figur, dass sie beim Drehen sagen können, was sie wollen – und es stimmt immer.“ Bei „Ich fühl mich Disco“ gab es folglich kein Dialogbuch, die Schauspieler sprachen frei aus ihrer Figur heraus. „Es sind teils so schöne Dialoge entstanden, die hätte ich niemals schreiben können!“, glaubt der Filmemacher.

Ich_fuehl_mich_Disco_09_c_GordonWelters_EditionSalzgeberEinige Szenen wirken ähnlich schrullig und liebenswert wie in „Dicke Mädchen“ – ob die Fantasiereise mit der Mutter auf dem Kinderzimmerboden oder die Haarschneide-Prozedur, bei der der Papa nackt auf dem Küchenstuhl ausharren muss. Den Film hat Ranisch seinem eigenen Vater gewidmet. Der ist bei den Filmprojekten des Sohnes – wie die anderen Familienmitglieder – immer stark eingebunden: als Caterer oder Fahrer. „Er ist auch eine Liebeserklärung an meinen Vater, der in meiner Kindheit und Jugend auch viel gefehlt hat, weil er oft auf Wettkampfreisen war. Aber seit er Rentner ist, holt er das alles sehr herzenswarm und lieb nach. Wir beide sind ein richtig tolles Team.“ Bei einigen Szenen im Kino, so erinnert er sich, habe Vater Ranisch auch ein paar Mal „ziemlich geschluckt“. Zum Beispiel bei der Sache mit dem Zehn-Meter-Brett.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Gordon Welters / Edition Salzgeber, Dennis Pauls, Edition Salzgeber (oben)

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Ich fühl mich Disco“ im Kino in Berlin

Ich fühl mich Disco Deutschland 2013; Regie: Axel Ranisch; Darsteller: Frithjof Gawenda (Florian Herbst), Heiko Pinkowski (Hanno Herbst), Christina Große (Monika Herbst); 98 Minuten; FSK 12

Kinostart: 31. Oktober

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