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Im Kino: „Banksy – Exit Through the Gift Shop“

Banksy - Exit Through the Gift Shop

Sie nennen sich Swoon, Space Invader oder Banksy. Ihre Kunst ist öffentlich, wenn man Street Art denn als Kunst verstehen will. Fassadenreiniger sehen sie eher als Ärgernis; kaufen und sammeln kann man die Werke an Betonwänden und Brandmauern für gewöhnlich auch nicht. Wobei sich das ein wenig geändert hat, seit Street Art unter Kunstfans als hip gilt. Seither werden die Stücke aus Spraydose oder Copyshop teils hoch gehandelt. Besonders jene von Banksy, dessen antikapitalistischen Späße an den Wänden weltweit Aufsehen erregen – oder zumindest ein Schmunzeln im Vorbeigehen: etwa wenn sich zwei lebensgroße Londoner Polizisten innig küssen. Oder wenn ein Kind an Luftballons über die Grenzmauer im Westjordanland schwebt, einfach so. Ein Kunststück allein, dass Banksy seine Großformate unbemerkt auch an gesellschaftlich brisanten Orten unterbringt.
Ebenso erstaunlich, dass er es im Zeitalter von Handy-Cams geschafft hat, anonym zu bleiben. Sein nächster Coup: ein Film. Oder besser: Der Brite hat die Regie übernommen, nachdem ein anderer daran kläglich gescheitert war. Aus einer Doku über Banksy wurde eine Doku von Banksy. Und der erklärt kurzerhand den Gescheiterten zum Protagonisten: den Banksy-Fan Thierry Guetta, der gegen Ende des Films selbst zum gefeierten Street-Art-Hipster mutiert sein wird. Die Sache klingt vertrackt. Und ist es auch. Dabei sieht „Exit Through the Gift Shop“ anfangs noch so aus wie eine Insider-Doku über prägende Köpfe der Underground-Kunst: den ernsten Shepard Fairey etwa, dessen „Hope“-Poster mit Obamas Konterfei berühmt wurde. Oder den erwähnten Pariser Space Invader, der die Städte mit Mosaik-Motiven aus nämlichem Videogame verziert. Guetta soll Invaders Cousin sein; darüberhinaus verfügt der Second-Hand-Ladenbesitzer über eine Kamera, viel Zeit sowie wilde Entschlossenheit, die nächtlichen Guerilla-Aktionen seiner Vorbilder zu begleiten und zu filmen. Ziel sei eine Dokumentation, so der vage Plan. Auf diese Art kommt Guetta schließlich mit Banksy in Kontakt, begleitet ihn wacker bei tollkühnen Aktionen.
Banksy - Exit Through the Gift ShopDoch der Batman der Künste erkennt bald, dass der Franzose weniger einen Film hinkriegt als einen formlosen Bilderwust. Hier ändert der Film seine Laufrichtung: Banksy übernimmt die Regie und animiert derweil Guetta, seinerseits zum Künstler zu werden. Es folgt die Geburt des „Mr. Brainwash“, der im hohen Tempo Bilder fertigt und dabei die Stile persönlicher Helden zusammenpanscht: ein bisschen Banksy, ein bisschen Shepard Fairey, sehr viel serielle Celebrities а la Warhol. Ob sich die furiose Künstlerwerdung des skurrilen Klamottenhändlers tatsächlich so zugetragen hat? Noch toller wird es, als Guetta/Mr. Brainwash seine erste Show in L.A. aufzieht. Die entwickelt sich zum Knüller – trotz hanebüchen kopfloser Vorbereitung. Doch dank breit plakatierter Zitate des Mentors und einer Titelstory im Stadtmagazin strömen Kunstfreunde in Scharen herbei und machen Brainwash zum reichen Mann. Banksy – in Interviews stets hinter dunkler Kapuze verborgen und stimmlich verzerrt zu hören – kommentiert sarkastisch den wundersamen Aufstieg des sonderbaren Freundes.
Freundes? Oder doch eher Scharlatans? Oder ist der Scharlatan am Ende der, der sich als Regisseur ausgibt? Der sprechende Name des irrwitzigen Franzosen – der von Gehirnwäsche erzählt – wirkt leicht verräterisch. Doch einerlei, ob der Brainwash-Hype eine von Banksys Finten ist oder unfassbare Realsatire, dem Film gelingt ein so entlarvender wie äußerst witziger Blick auf die Spektakelkultur der Kunst- und Medienwelt. Die hat den Underground schon oft ausgeschlachtet und um seine Subversion gebracht. Vielleicht deshalb wendet sich Banksy neuerdings dem Kino zu – zum Glück mit dem selben Humor, den man von seinen Graffiti kennt.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Banksy – Exit Through the Gift Shop“ im Kino in Berlin

Banksy – Exit Through the Gift Shop, USA/Großbritannien 2010; Regie: Banksy; 86 Minuten

Kinostart: 21. Oktober

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