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Im Kino: „Beginners“

Beginners

Warum er auf eine Party ginge, wenn er doch eigentlich traurig sei? Das will Anna von Oliver wissen. Der hat sich als Sigmund Freud verkleidet und leiht sein Ohr maskierten „Patienten“, die inmitten des Getümmels auf seiner Couch Platz nehmen. Auch Anna sieht in ihrem grauen Anzug wie ein Analytiker aus, den Schreibblock allerdings, auf dem sie ihre Frage notiert, führt sie mit sich, weil sie einer Kehlkopfentzündung wegen nicht sprechen soll. Ihre ersten Stunden verbringen Anna und Oliver demnach wortlos, doch nicht schweigend. Sie berühren sich mit den Augen, sie tanzen miteinander, schließlich verlassen sie die Party gemeinsam. So beginnt die Geschichte von Anna und Oliver im Jahr 2003, so erzählt es Oliver in „Beginners“, dem nach „Thumbsucker“ (2005) gerade mal zweiten Spielfilm des Filmemachers, Grafikdesigners und Musikvideo-Regisseurs Mike Mills.
Von Anfängern und Anfängen handelt dieser Film, von Aufbrüchen und Wagnissen, von der Angst und der Unsicherheit, vom Abschiednehmen, vom Verlust, vom Tod und von der Liebe. Und nichts daran wirkt schwerblütig, vergrübelt oder niederdrückend, selbst die Trauer und der Schmerz nicht, die zunächst so bestimmend scheinen.
BeginnersAnna bewohnt in Los Angeles ein Hotelzimmer, weil sie als Schauspielerin nie lange an einem Ort bleibt. Grafikdesigner Oliver hat vor kurzem seinen Vater verloren: Hal, der nach dem Tod seiner Frau mit 75 Jahren sein Coming Out wagte. Der dann noch vier Jahre lang gemeinsam mit dem um einiges jüngeren Andy seine schwule Identität lebte und glücklich war. Olivers Schreckgespenst aber ist die unterkühlte Ehe seiner Eltern, sind die Erinnerungen an die frustrierte Sehnsucht seiner Mutter Georgia. Anna wiederum versucht, einem erdrückenden Vater zu entkommen, und ihr unsteter Beruf ermöglicht die dauernde Flucht, verunmöglicht aber auch dauerhafte Bindungen. Misstrauisch und verwundet sind Anna und Oliver, und es ist nicht verwunderlich, dass sie ineinander stürzen und anschließend über die in diesem Sturz entfachten Gefühle sehr erschrecken. Wie vertrauen und sich preisgeben, wenn mit Verlassenwerden zu rechnen ist?
BeginnersDass die Liebe, dass das Begehren komplexe Gefühle sind und das Zusammensein mit einem anderen Menschen über die Maßen schwierig sein kann, das ist bekannt. Die im Mainstream typischen filmischen Repräsentationen von Liebe und Begehren aber versuchen uns häufig weiszumachen, es handele sich um quasi evolutionäre Grundmuster, um bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten unterworfene Verhaltensweisen, mittels derer Ordnung in den zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt erst hergestellt wird. Dieser Reduktion komplizierter Gemütszustände auf standardisierte Handlungsverläufe und leicht verdauliche Stimmungshäppchen setzt Mike Mills nun sein nach allen Seiten offenes narratives Geflecht entgegen. Und er dreht den Spieß um: In „Beginners“ bringen Liebe und Begehren zunächst einmal alles durcheinander; nach vollbrachtem Zerstörungswerk erst können Anna und Oliver daran gehen, in gemeinsamer Anstrengung jene neue Ordnung zu finden, in der die füreinander gehegten, ungebärdigen Gefühle überleben und sich entwickeln können. Dabei hält Mills, der in sein Drehbuch zu „Beginners“ eigene Erfahrungen einbrachte, die Dinge des Herzens nicht nur konstant in der ihnen gemäßen Schwebe, er lässt sie auch weitestgehend unbenannt und damit frei. Was sich solcherart ungehindert entfalten kann, ist ein erstaunlicher Reichtum an Nuancen und Schattierungen, an Gemengelagen und Verschiebungen, an rätselhaft Neuem und zugleich Altbekanntem.
„Beginners“ ist ein lyrischer, witziger, melancholischer, berührender Liebesfilm, wie es lange keinen mehr gab; berückend fotografiert, unaufdringlich stilisiert, fließend montiert, von herrlichem alten Blues begleitet und von vier hervorragenden schauspielerischen Leistungen getragen. Christopher Plummer und Goran Visnjic als Hal und Andy geben mehr als ein schönes Paar ab. Zwischen Ewan McGregor und Mйlanie Laurent aber in den Rollen von Oliver und Anna sprühen nicht nur die Funken, da brennt ein Feuerwerk ab. Und es liegt eine schmerzliche Süße darin, den Schrecken der Liebe derart vorbehaltlos und hingegeben auf der Leinwand erstrahlen zu sehen.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Beginners“ im Kino in Berlin

Beginners, USA 2010; Regie: Mike Mills; Darsteller: Ewan McGregor (Oliver), Christopher Plummer (Hal), Mйlanie Laurent (Anna); 104 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 9. Juni

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