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Im Kino: „Belgrad Radio Taxi“

Belgrad Radio Taxi

Meist in graublauem, wolkenverhangenem Licht, nie sonnenbestrahlt, präsentiert sich Belgrad in dieser deutsch-serbischen Koproduktion. Die Erzählung von „Belgrad Radio Taxi“ verbindet drei Geschichten, in denen proto­typisch volksnahe Protagonisten unverhofft mit vergangenen Lasten konfrontiert werden.
Losgetreten wird das durch den selbstmörderischen Sprung einer Frau von der vielbefahrenen Autobrücke, die den alten mit dem neuen Teil der Stadt verbindet. Wie aus heiterem Himmel gelangt der desillusionierte bosnische Taxifahrer Gavrilo (Nebojsa Glogovac) so an das auf dem Rücksitz zurückgelassene Baby der Frau und mit ihm an Aufgaben, die seinen von Routinen bestimmten Alltag durch­einanderbringen. Auch für Anica (Anica Dobra) und Biljana (Branka Katic), die zeitgleich Zeugen des Selbstmordversuchs der jungen Mutter sind, löst das Ereignis Krisen aus. Die Lehrerin Anica sieht sich zunehmend von der Erinnerung an ihren bei einem Autounfall getöteten Sohn verfolgt. Die Apothekerin Biljana erkennt, dass sie den Tod ihres Geliebten nicht verwinden kann.
Der zweite Film des vor allem als Drehbuchautor tätigen Srdjan Koljevic zwingt seine Figuren in ein strenges Korsett. Die parallel erzählten Geschichten der unwissentlich verbundenen Schicksalsgemeinschaft sind technisch oft gekonnt miteinander verschränkt und bisweilen werden sie auch von überzeugenden Schauspieler-Leistungen belebt. Sehr oft spürt man dabei aber ausschließlich die emotionalen Angelpunkte und Erkenntnismomente des Drehbuchs, auf deren Erfüllung das Spiel der Einzelnen angelegt ist. Etwas verkrampft wirken daher auch die mal komödiantisch, meist jedoch tragisch angelegten Alltagsschilderungen aus Belgrad, die mehr von der Vergangenheit als von der Zukunft geprägt zu sein scheinen, etwa wenn die Protagonisten sich nostalgisch an den Schlagern aus den 70ern erwärmen, die aus dem titelgebenden Radio ertönen. Erkennbar wird dabei die therapeutische Intention des Films, der überdeutlich als Allegorie auf das zu versöhnende Verhältnis des aktuellen Serbien zum vergangenen Jugoslawien (in dem alles besser war) abzielt.

Text: Michael Baute

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Belgrad Radio Taxi“ im Kino in Berlin

Belgrad Radio Taxi (Zena sa slomljenim nosem), Serbien/Deutschland 2010; Regie: Srdan Koljevic; Darsteller: Nebojsa Glogovac (Gavrilo), Anica Dobra (Anica), Branka Katic (Biljana); 103 Minuten; FSK 12

Kinostart: 21. Juli  

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