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Im Kino: „In Berlin“ von Michael Ballhaus

In_BerlinDem Drehbuchautor Isaac Davis (Woody Allen) will es nicht gelingen, sein Alter Ego mit der nötigen Coolness auszustatten, die es für diese Kulisse braucht. Manhattan ist stärker. Um diese Ambivalenz geht es in dem Dokumentarfilm von Michael Ballhaus und Ciro Cappellari. „In Berlin“ handelt von der Stadt und von Bewohnern, die hier leben und sich hier wohl fühlen. Eine Ode an die Stadt sollte es werden und Berlin in seiner ganzen Wi­derborstigkeit und Schönheit zeigen. Da wäre nicht nur Isaac Davis ins Schwitzen geraten.

Die 360-Grad-Drehung in FassbindersMartha“ und die aufstiebende Kreide über dem Billard-Queue von Tom Cruise in „Die Farbe des Geldes“ – als Kameramann hat sich Michael Ballhaus in die Filmgeschichte eingeschrieben wie kaum ein Zweiter. Die Vorliebe für lange Brennweiten, Kadrage, Schär­fenverlagerungen und schnur­gerade Fahrten an Horizontlinien entlang lösen das Gezeigte aus seinem Zusammenhang, verdichten es zur Abstraktion eines Augenblicks. Im Spielfilm sind das nicht selten die magischen Momente, in denen etwas ganz anderes erkennbar wird, in der eine verhängnisvolle Liaison vorweggenommen („Martha“) oder die Entrücktheit einer Situation („Die Farbe des Geldes“) spürbar wird. Im Dokumentarfilm sind solche Stilmittel heikel, da aufwendig und selten kompatibel mit einem situativen Erzählen. Bei „In Berlin“ gibt es wunderschöne Vignet­ten, Einstellungen von Passanten, die sich vor einer Ampel sammeln, Häuserzeilen, Baulücken, Kreuzungen, Linien. Sie bilden ein visuelles Raster, bauen Emotionen auf, haben aber nie einen Bezug zu den kurzen Porträts, die dann folgen.

Ballhaus_CappelariDie Berliner, mit denen die Filmemacher durch die Stadt streifen, haben wenig zu Berlin und nichts zu sich zu sagen. Die drei Gründer des Architekturbüros Graft sagen, was zum geplanten Stadtschloss gesagt werden muss; Alexander Hacke gibt den Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten; Maybrit Illner erinnert sich vage an ein Lokal in der Frankfurter Allee, und Klaus Wowereit kauft Blumen für Joachim Sartorius von den Berliner Festspielen. Manchmal könnte es interessant werden, zum Beispiel, wenn unversehens die komplizierte Beziehung zwischen Zadeks Theaterstar Angela Winkler und ihrer mit Down-Syndrom geborenen Tochter Nele aufflackert, die sich auf eine Theaterrolle vorbereitet. Doch dafür lassen sich die Filmemacher keine Zeit, gilt es doch mit Frank-Walter Steinmeier, Dimitri Hegemann und Schriftsteller Peter Schneider noch andere Berlin-Fans zu Wort kommen zu lassen.

Im Ergebnis wirkt das so ungelenk wie der PR-Feldzug „Sei Berlin“, um den es natürlich auch noch geht und in dessen Rahmen der Film jetzt sogar präsentiert wird. Das Kampagnenbüro be Berlin steht nicht nur hinter der Deutschlandpremiere von „In Berlin“, die gerade mit großem Trara und roten Teppich im Cubix am Alexanderplatz gefeiert wurde. Die offiziösen Berlinwerber gehen mit dem Film auch noch auf Deutschlandtour – im Rahmen der Aktion „20 Jahre Mauerfall„. Alles sehr staatstragend und klemmig. Aber vielleicht ist es ja gerade diese Steifheit, die den Charme des neuen Berlin ausmacht. Die dokumentiert „In Berlin“ jedenfalls peinlich genau.
Woody Allens Isaac Davis ist übrigens doch noch ein schöner Satz zu seiner Traumstadt eingefallen: „New York war seine Stadt und würde es auch immer sein.“ So lässig zieht sich bei Michael Ballhaus und Ciro Cappellari leider niemand aus der Affäre.

Text: Nicolaus Schröder

tip-Bewertung: Zwiespältig

In Berlin Deutschland 2009; Regie: Michael Ballhaus und Ciro Cappellari; mit Klaus Wowereit, Maybritt Illner, Alexander Hacke; Farbe, 99 Minuten;

Kinostart: 14. Mai

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