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Im Kino in Berlin: „Weltstadt“

Eine Nacht in Beeskow im Landkreis Oder-Spree, 2004: Zwei junge Männer, 18 und 24 Jahre alt, schlagen und treten einen Obdachlosen halbtot, am Ende zünden sie ihn an. Das Opfer überlebt mit schweren Verbrennungen, für die Justiz ist das schwere Körperverletzung und versuchter Mord. Die Täter werden zu fast fünf Jahren Jugendstrafe bzw. siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Die Heimat als Tatort: Christian Klandt kommt selbst aus Bees­kow, er kennt den älteren Täter und das Opfer und wollte den Fall schon früh verfilmen. Als Student der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam setzte er das dann Ende 2006 um. Eigentlich wollte Klandt nur einen „Film für die Einwohner der Stadt“ drehen, doch die Beeskower waren wenig angetan. Inzwischen lief „Weltstadt“ auf zahllosen Festivals, darunter Montreal, Sгo Paolo, Rotterdam und Hof, jetzt bringt der X Verleih Klandts imposantes Spielfilmdebüt in die Kinos.
Weltstadt“ zeigt fünf Menschen an dem Tag, an dessen Ende ein Verbrechen stehen wird. Darunter den Teenager Till (Florian Bartholomäi), der gerade seine Malerlehre geschmissen hat und meist mit dem älteren Karsten (Gerdy Zint) abhängt. Billigbier, Kiffen in der Plattenbauwohnung, Wichsen, Horrorfilme, Kräftemessen: Besonders bei Karsten hat die Trost- und Perspektivlosigkeit längst durchgeschlagen, er kratzt erst sich und dann seinem Kumpel „Selbstbilder“ in die Brust. „Schmerzen sind gut„, sagt er.
Till will eigentlich nur noch weg nach Berlin, auch seine Freundin Steffi (Karoline Schuch) will er zurücklassen. Betrunken treffen Till und Karsten spätabends auf den Obdachlosen im Park; Neid über dessen angeb­lichen Wohlstand verbindet sich mit (Selbst-)Hass, der Raub wird zum Gewaltverbrechen.
Mit tollem Ensemble und improvisierten Texten ist „Weltstadt“ mehr als eine Fallstudie und auch keine originär ostdeutsche Geschichte. In anderen vom Aufschwung vergessenen Orten, in Niedersachsen oder Neukölln, träfe man wohl auf dieselbe gefährliche Gemengelage, Beeskow ist überall. Trotz kleinerer Schwächen entwickelt „Weltstadt“ eine ungeheuere Wucht: Das Kino verlässt man aufgerüttelt und beeindruckt.

Text: Thomas Klein

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Weltstadt“ im Kino in Berlin

Weltstadt, Deutschland 2008; Regie: Christian Klandt; Darsteller: Florian Bartholomäi (Till), Gerdy Zint (Karsten), Karoline Schuch (Steffi); Farbe, 109 Minuten

Kinostart: 5. November

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