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Im Kino: „Body“

Body

Was in so einem Körper alles drinnen steckt! Ein trauriger Blick, ein kümmerliches Seufzen, und vielleicht auch ein Schrei aus voller Seele. Diesen Schrei aber muss man suchen, denn der ist tief verborgen in Menschen, mit denen es das Leben nicht immer nur gut meint. In Malgorzata Szumowskas „Body“ geht es um verschiedene körperliche Zustände, die zueinander in Beziehung gesetzt werden und die schließlich auf markante Weise miteinander zu reagieren beginnen.
Da ist der Ermittler Janusz, den seine Tochter Olga hasst, weil er dick ist. In Wahrheit hasst sie ihn, weil er immer noch da ist, während die Mutter seit Jahren tot ist. Olga kommt mit diesem Verlust nicht zurecht, und sie erträgt es auch kaum, wie der Vater (der Schauspieler Janusz Gajos zählt zu den Größen des polnischen Kinos und war auch schon bei Kieslowski zu sehen) sich durch seine Tage schleppt. Wenn er abends in ein Hähnchen beißt, dann wirkt das fast obszön.
Olga hat eine Essstörung, deswegen ist sie in einer Therapiegruppe. Dort hat sie es mit Anna zu tun, einer stillen Frau, die aber mächtig schreien kann. Anna ist allein, sie lebt mit einem Hund, der fast so groß ist wie sie und der nachts in ihrem Bett schläft. Auch Anna hat jemanden verloren. Sie ist anders mit ihrer Trauer umgegangen. Sie ist ein Muster an Disziplin, niemals lässt sie die Schultern auch nur ein bisschen sinken. Wenn sie durch den Park nach Hause geht, freut sie sich an den Düften der Natur. Doch ihre Tür liegt hinter einem schweren Eisengitter. Anna (großartig: Maja Ostaszewska)  lebt in einer Festung.
BodyRund um diese drei Menschen sammelt Malgorzata Szumowska, die sich immer mehr zu bedeutendsten polnischen Filmemacherin der Gegenwart entwickelt, Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben in einer Stadt wie Warschau. Janusz bekommt es beruflich und privat immer wieder mit schwierigen Situationen zu tun, kein Wunder, dass er das alles eher, nun ja, in sich hineinfrisst. Eine Szene ist besonders drastisch, und sie steht zeichenhaft für das indirekte Erzählen in „Body“: In einer Kabine der Bahnhofstoilette wurde ein Körper gefunden, der Anblick ist zu schrecklich, als dass er uns zuzumuten wäre. Nur Janusz kann sich nicht drücken: er muss da hineinschauen, muss ein Protokoll diktieren, muss Worte finden für das Unerhörte, das Menschen widerfahren kann.
Anna meint eine Lösung zu haben. Sie ist ein Medium, wenn sie in Kontakt mit dem Jenseits tritt, dann schreibt sie wie im Trance die Seiten voll. Diese Briefe von Verstorbenen sind tröstlich, aber sind sie nicht auch ein Trug, der hilft, die Augen vor dem Unerklärlichen zu verschließen?
„Body“ enthält eine Philosophie, die sich erzählerisch entfaltet. Im Körper sind die Menschen ganz Seele, allerdings bedarf es der Techniken, damit diese Seele auch lebendig bleibt. Die Techniken müssen aber auch wieder belebt werden. So ist dieser sorgfältig komponierte Film, der mit einer schrägen Pointe beginnt und sehr weise endet, vor allem eine Übung darin, ein Gleichgewicht zu finden. Am Ende sitzen die drei Hauptfiguren an einem Tisch. Jemand schnarcht, jemand lacht, jemand staunt. Das Lachen könnte auch ein Weinen sein, Erleichterung ist aber auf jeden Fall zu verspüren. Zumindest für den Moment.

Text: Bert Rabhandl

Fotos: Peripher Filmverleih

Orte und Zeiten: „Body“ im Kino in Berlin

Body (Cialo), Polen 2015; Regie: Malgorzata Szumowska; Darsteller: Janusz Gajos (Untersuchungsrichter), Maja Ostaszewska (Therapeutin Anna), Justyna Suwala (Olga); 92 Minuten

Kinostart: Do, 29. Oktober 2015

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