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Im Kino: „Böhmische Dörfer“

Böhmische Dörfer

Selten rücken Produzent und Filmemacher so eng zusammen wie in Peter Zachs Dokumentarfilm „Böhmische Dörfer. Denn Produzentin Jana Cisar, oder besser, deren Großmutter, beschafft gleich die Rahmung für Zachs Reise ins bekannte Unbekannte: das Grenzgebiet zwischen Tschechien und Deutschland, dort, wo sie stehen, die Böhmischen Dörfer. Beziehungsweise standen. Zu Beginn des Filmes weht, wie aus dem Nichts, ein Vers von Christian Morgenstern über einen schneebedeckten Landstrich, von einer Mädchenstimme recht trocken verlesen: „Palmström reist, mit einem Herrn von Korf, in ein sogenanntes Böhmisches Dorf. Unverständlich bleibt ihm alles dort, von dem ersten bis zum letzten Wort.“ Und Zach reist, mit Jana Cisar, nach Marienbad. Es ist Weihnachten 2006 und sie wollen Cisars Großmutter besuchen.
Nachdem alle Geschenke von ihrem Papier befreit sind, beginnt sie zu erzählen. Und schon ist man drin, im 20. Jahrhundert, das die Schriftstellerin Lenka Reinerovб in einer späteren Sequenz in einem Prager Kaffeehaus wie folgt konzentriert: „Dieses 20. Jahrhundert, also, von mir aus gesehen, das war kein sehr gutes Jahrhundert. Zwei Weltkriege, eine Unzahl von grundlegenden Umstürzen. Wenn gestern etwas das Beste der Welt war, war es schon morgen das Schlimmste, was passieren konnte. Und das wiederholt!“
Aber nicht nur die Reinerovб weiß zu berichten. Unterwegs treffen beide auch den 90-jährigen Fritz Altmann, der als einer von wenigen Deutschen nach 1945 in Tschechien bleiben konnte. Schwelgerisch wie präzise weiß dieser von Volksfesten und Militäreinsätzen zu berichten – doch auch, dass in der Region ein Dorf nach dem anderen „fällt“. Fast ist einem, als sähe man den Tanzplatz, um nach einem Blinzeln festzustellen, dass da nur eine alte Scheune steht und ringsherum nichts. Sie begegnen der Witwe Samuel Fullers. Und einem schwäbischen Grafikdesigner, der von seiner Hammondorgel aus einen fantastischen Ausblick über freies Feld genießt. Kleine Episoden, schlicht aneinandergereiht. Man nähert sich ohne Pomp. Und geht ein wenig klüger.

Text: Carolin Weidner

Foto: Peter Zach

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Böhmische Dörfer“ im Kino in Berlin

Böhmische Dörfer, ?Deutschland/Tschechische Republik 2013; Regie: Peter Zach; 80 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 13. März

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