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Im Kino: „Bridge of Spies – Der Unterhändler“

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Es war eine komplizierte Epoche damals, als Spione noch Mikrofilme in Schuhsohlen transportierten und dann für die Übergabe in das Innere von Krawattennadeln rollten. Der Informationsaustausch zwischen verfeindeten Systemen beruhte auf ausgeklügelten Abläufen, sodass Leute genau wussten, unter welcher Parkbank auf der dritten Planke von hinten rechts außen eine Nachricht angebracht war, die dann doch nicht gänzlich unbemerkt den Besitzer wechselte.
Steven Spielbergs neuer Film „Bridge of Spies“ beginnt mit einer dieser geheimdienstlichen Routinen. Ein Mann, der als Porträtmaler ein unauffälliges Leben führt, hat längst die Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden auf sich gezogen, und so stehen sie eines Tages in seiner Wohnung und verhaften ihn: Rudolf Abel (Mark Rylance) arbeitet für die Sowjetunion, das „Reich des Bösen“, auch wenn dieser Begriff damals noch nicht in Umlauf war. Er macht den Eindruck eines rechtschaffenen Mannes, und sein fast schon provozierender Gleichmut wird begleitet von einer Frage, die wie ein Mantra klingt: „Would it help?“, sagt er immer dann, wenn jemand fragt, ob ihn denn gar nichts in Angst versetzen könnte?
Es sind die späten 50er-Jahre, die nuklearen Arsenale wachsen, die Paranoia wächst schneller. Für einen Mann wie Rudolf Abel kann es also nur die Todesstrafe geben. Da haben die Amerikaner aber die Rechnung ohne einen ihrer rechtschaffensten Bürger gemacht. James B. Donovan, ein einfacher Versicherungsanwalt, wird zum Pflichtverteidiger des Vaterlandsverräters ernannt, und er stellt bald fest, dass die rechtlichen Grundlagen für eine Verurteilung zum Tode nicht gegeben sind. Also stellt er sich gegen die Mehrheit, und wird damit auch zu einem typischen Helden in einem Film von Steven Spielberg. Tom Hanks verkörpert diesen Donovan als einen Revolutionär der kleinen Schritte, der einfach immer das macht, was ihm richtig erscheint, und dabei unversehens mitten in die Weltpolitik gerät. Denn wie es sich trifft, schießen die Sowjets einen amerikanischen Piloten ab, der mit einem vermeintlich supergeheimen Spionageflugzeug weit über den Verkehrsflugzeugen unterwegs ist. Und nun bietet sich etwas an, was James B. Donovan immer schon als Möglichkeit im Blick hatte: ein Austausch.
Mit dieser Wendung beginnt der zweite Teil von „Bridge of Spies“. Der deutsche Titel „Der Unterhändler“ verweist auf die Rolle, die Donovan in dieser Situation zufällt: er muss ganz allein und als Laie in einem winterlichen, immer noch weitgehend aus Ruinen bestehenden Berlin zwischen den zwei Weltmächten (und einer störrischen Regionalmacht namens Deutsche Demokratische Republik) ein Agreement finden. Da sich ein amerikanischer Student mit unpassenden Skripten zu einem blöden Zeitpunkt auf der falschen Seite der gerade erst errichteten Mauer antreffen lässt, geht es noch dazu um einen asymmetrischen Austausch. Und Donovan erweist sich dabei einmal mehr als sturer Kopf. So einen verrät Spielberg nicht.
„Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ist ein konservativer Geschichtsfilm, der sich nur gelegentlich zum Format eines richtigen Thrillers aufschwingt. Spielberg konzentriert sich, handwerklich wie gewohnt souverän, auf seinen Helden, der fast zu gewöhnlich wirkt für die seltenen Spannungsszenen. Den Bau des „Antifaschistischen Schutzwalls“ allerdings verdichtet Spielberg meisterhaft – es ist, als wüchse die  Geschichte einer ganzen Bevölkerung über Nacht über den Kopf, und mit jedem Ziegelstein schließt sich ein fataler Zusammenhang noch dichter ab, den dann nur noch Menschen wie Rudolf Abel oder James B. Donovan wieder öffnen können. Bei dem einen führt das zu einem asketischen Leben im Dienst einer Idee, bei dem anderen zu einer Heldentat, mit der Amerika sich als Hort des Rechts bestätigt sehen kann.
Berlin ist bei all dem nur Kulisse, in Teilen liegt es auch im polnischen Wroclaw. Wie sich das damals anfühlen mochte, mit der S-Bahn von System zu System zu fahren, das kriegt man in „Bridge of Spies“ aber doch ganz großartig mit.

Text: Bert Rebhandl

Foto: 2015 Twentieth Century Fox

Orte und Zeiten: „Bridge of Spies“ im Kino in Berlin

Bridge of Spies USA/Deutschland 2015; Regie: Steven Spielberg; Darsteller: Tom Hanks (James Donovan), Amy Ryan (Mary Donovan), Mark Rylance (Rudolf Abel); 142 Min.

Kinostart: Do, 26. November 2015

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