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Im Kino: „The Broken Circle“ von Felix van Groeningen

The_Broken_Circle_06_c_MenuetFilms_PandoraFilmVerleih2012Es ist ein etwas unordentliches Paradies, in dem Didier und Elise sich einen Raum für ihre Liebe schaffen. Ein unfertiges Haus, ein Hof, auf dem eine Menge Zeug herumsteht, ein Leben, das halb drinnen und halb draußen stattfindet. Und auch wenn sie Sex haben, machen sie das selten im Bett. Didier, der Cowboy, und Elise, die Lady, sind ein unkonventionelles Paar. Sie hat ihren Körper mit zahlreichen Tätowierungen zu einem Gesamtkunstwerk gestaltet. Er schwört auf ein gutes Bier, auf diese Weise hält er sich in Form. Als Elise sich eine Terrasse wünscht, baut Didier ihr etwas Originelleres: eine „Teranda“, ein Mittelding aus Terrasse und Veranda, an das man sich zwar erst gewöhnen muss, das dann aber einen perfekten Ort abgibt, von dem aus Didier und Elise ihrer Tochter Maybelle beim Spielen zusehen können.

Doch wie das mit Paradiesen so ist – irgendetwas passiert immer. Und so ist es auch in „The Broken Circle“ von Felix van Groeningen. In diesem belgischen Drama passiert sogar „das Schlimmstmögliche“, wie Johan Heldenbergh sagt, der den Didier spielt und der das Theaterstück geschrieben hat, auf dem der Film beruht. Das Schlimmstmögliche ist der Tod von Maybelle, und zwar zu einem Zeitpunkt, da erst die Hälfte dieser Geschichte vergangen ist. Es ist schwierig, über „The Broken Circle“ zu sprechen, ohne dieses entscheidende Detail zu verraten. Und es geht auch gar nicht darum, sagt Johan Heldenbergh: „In ‚Titanic‘ musste James Cameron sich entscheiden, wie er mit der Tatsache umgeht, dass alle das Ende schon kannten. Nun, er hat es so gelöst, dass er gleich in den ersten zehn Minuten dargelegt hat, was kommen wird. In unserem Film ist es nicht unähnlich. Der Tod von Maybelle ist kein ‚plot point‘. Es geht nicht um das Kind, es geht um das Paar.“

The_Broken_Circle_04_c_MenuetFilms_PandoraFilmVerleih2012Regisseur Felix van Groeningen ergänzt an dieser Stelle einen Satz, der dann aber doch verrät, wie schwierig die dramaturgische Lösung hier fiel: „Wir hatten auch einmal eine Schnittfassung, in der Maybelles Tod erst später im Film kommt. Aber das hätte eine komplizierte Struktur mit Vorgriffen und Rückblenden mit sich gebracht, also ließen wir das.“ Heldenbergh und van Groeningen bestreiten das Interview zu ihrem Film in einem intensiven Wechselspiel, ihre Sätze gehen zum Teil ineinander über. Man sieht daran sehr gut, dass die Autorenschaft hier auf einer freundschaftlichen Zusammenarbeit beruht. „Ich habe das Stück, das als Vorlage dient, zweimal gesehen, und jedes Mal habe ich mir gesagt: Als Film funktioniert das nicht. Erst als ich es las, also gewissermaßen nackt sah, kamen die Bilder.“

Und so wurde aus einem Theaterstück, das ein „respektierter Außenseiter“ der belgischen Kulturszene (van Groeningen über Heldenbergh) für Aufführungen in „Mehrzwecksälen und Hinterzimmern von Mehrzwecksälen“ entworfen hatte, ein Film, der in
vielerlei Hinsicht paradigmatisch ist für das gegenwärtige Arthouse-Kino. Es gibt ein universelles Thema, das aber tief in einer besonderen Landschaft verwurzelt ist, die Felix van Groeningen schon in „Die Beschissenheit der Dinge“ erschlossen hat. „Für mich war das ein Aha-Erlebnis“, sagt er und greift dabei auf dieses deutsche Wort zurück, „dass man einen Film in Dialekt über eine nicht gerade prominente Region machen kann und doch funktioniert sie in der ganzen Welt.“ Heldenbergh amüsiert sich fast ein wenig über Didier, während er ihn ebenfalls mit Blick auf diese Spannung charakterisiert: „Er ist ein Möchtegern-Cowboy, fährt aber ständig an diesen industriellen Hintergründen vorbei, um die man in Belgien nun einmal nicht herumkommt.“

The_Broken_Circle_04_c_MenuetFilms_PandoraFilmVerleih2012Dazu kommt als entscheidendes Attraktionsmoment der Soundtrack: Bluegrass als sehr traditionelle, amerikanische Musik. Die Tochter Maybelle ist nach Maybelle Carter benannt, einer der größten Interpretinnen des Bluegrass. Veerle Baaethens, die Elise spielt, und John Heldenbergh interpretieren in „The Broken Circle“ einige der bekanntesten Traditionals auf eine Weise, der man sich schwer entziehen kann. „Der eine Song, der vielleicht am wichtigsten ist“, sagt Felix van Groeningen, „ist ‚If I Needed You‘. Didier und Elise singen ihn zusammen, aber sie sind nicht zusammen, und sie singen sehr buchstäblich davon, was sie eint und was sie trennt.“

Zu besonderen Anlässen gibt es auch Live-Konzerte zu „The Broken Circle“, so auch schon während der Berlinale, wo der Film mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet wurde. So träumt hier also ein europäischer (genau genommen: ein flämischer) Film von Amerika, allerdings von einem Amerika, das ganz und gar nichts mit Hollywood zu tun hat, sondern auf eine ähnliche Weise von verlorenen Paradiesen erzählt wie „The Broken Circle“ auch. Was bedeutet nun eigentlich der Titel? Die Erklärung findet sich, wie Johan Heldenbergh erzählt, natürlich in der Bluegrass-Mythologie. „Der ‚geschlossene Kreis‘, das ist die Familie, die zerrissen wird, wenn sie eines ihrer Mitglieder verliert. Danach ist der Kreis erst wieder zu schließen, wenn man sich im nächsten Leben trifft. Von dieser Spannung handeln viele Traditionals und auch unser Film.“

Text: Bert Rebhandl

Foto:Menuet Films / Pandora Film Verleih 2012

Orte und Zeiten: „The Broken Circle“ im Kino in Berlin

The Broken Circle Breakdown Belgien/Niederlande 2012; Regie: Felix van Groeningen; Darsteller: Veerle Baetens (Elise), Johan Heldenbergh (Didier), Nell Cattrysse (Maybelle); 111 Minuten; FSK k. A.;

Kinostart: 25. April

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