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Im Kino: „Carol“

Im Kino:

„Carol“ ist ein Film der kleinen, oftmals uneindeutigen Gesten und Blicke. Dass sie etwas bedeuten, versteht man sofort, was sie bedeuten in der Regel erst später. Todd Haynes, der mit „Carol“ Patricia Highsmiths Roman „The Price of Salt“ um eine lesbische Liebe in den frühen 1950er-Jahren verfilmt hat, verdeutlicht mit diesem Konzept einerseits die Konventionen einer Zeit, in der Homosexualität kaum offen gelebt werden konnte, macht den Film damit aber auch universell zugänglicher. Denn „Carol“ ist nicht primär ein Film über Lesben, sondern ein Film über die Liebe: von zaghafter Zuneigung über große Leidenschaft bis zum gegenseitigen Wehtun.
Die beiden Hauptfiguren, denen diese Gefühle widerfahren, könnten zunächst kaum unterschiedlicher sein: Die elegante und wohlhabende Carol Aird (Cate Blanchett) durchlebt gerade die Prozeduren der Scheidung von ihrem Mann, der von ihrem vorherigen lesbischen Verhältnis mit ihrer besten Freundin weiß und deshalb das Benehmen seiner Frau stets besonders argwöhnisch betrachtet. Im Gegensatz zu Carol, die sich ihrer lesbischen Veranlagung sicher ist und für ihre Leidenschaft auch das Sorgerecht für ihr Kind aufs Spiel setzt, besteht die Welt der fast noch jugendlichen Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) vorwiegend aus Fragezeichen. Therese weiß nicht, was sie will, sie weiß nicht, wer sie ist – der Film bedient sich des klassischen Topoi einer Reise, auf der sie es herausfinden wird.   
Dass der Höhepunkt – der sexuellen Erfüllung und des Melodrams – ausgerechnet in Waterloo, Iowa erreicht wird, ist der überhöhte Kern eines brillant inszenierten, spannenden Spiels mit Zeichen und Farben, das letztlich nicht erzählt wie die 1950er-Jahre waren, sondern uns eine Vorstellung davon gibt, wie sie hätten sein können.    

Lesen Sie auch das Interview mit dem Regisseur Todd Haynes

Text: Lars Penning

Foto: Wilson Webb

Orte und Zeiten: Carol

Carol GB/USA/F 2015; R: Todd Haynes; D: Cate Blanchett (Carol Aird), Rooney Mara (Therese Belivet), Kyle Chandler (Harge Aird); 119 Min.

Kinostart: Do, 17. Dezember 2015

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