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Im Kino: „Concerning Violence“

Concerning Violence

Im Umgang mit Archivmaterial ist der schwedische Dokumentarfilmer und Kameramann Göran Hugo Olsson sehr geschickt. 2011 entstand mit „Black Power Mixtape 1967–1975“ eine Montage von Originalaufnahmen über die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Geschichte als das Denken, Fühlen und Handeln einzelner Menschen lebendig werden ließ. Auch „Concerning Violence“ stützt sich auf 16mm-Archivmaterial, das zwischen 1966 und 1984 in afrikanischen Ländern aufgenommen wurde, die entweder vor Kurzem unabhängig geworden waren oder sich noch im Kampf gegen eine Kolonialmacht befanden. Zu diesen Bildern lässt Olsson die Sängerin Lauryn Hill Ausschnitte aus „Die Verdammten dieser Erde“ lesen, dem letzten Werk des 1925 auf Martinique geborenen Psychiaters, Schriftstellers und Politikers Frantz Fanon. Fanon gilt als einer der Vordenker der Entkolonialisierung. Das 1961 während des Algerienkrieges veröffentlichte, in Frankreich umstandslos verbotene Werk ist umstritten, nicht zuletzt aufgrund seiner Herleitung gewaltsamen Widerstands gegen koloniale Entfremdungsstrategien. Aus der sorgsamen Kombination von Bild, Text (und Schrift) schafft Olsson einen Essayfilm, der die Möglichkeiten der kinematografischen Technik der Montage voll ausschöpft, um eine komplexe Theorie emotional erfahrbar zu machen. Gegen Ende dann kehrt sich die Perspektive um, richtet sich nicht mehr der forschende Blick eines intellektuellen Europäers auf Afrika, sondern der Blick eines zur Erkenntnis gelangenden Afrikaners auf Europa. Dazu heißt es bei Fanon: „Dieses Europa ist das Werk der Dritten Welt. Die Reichtümer, an denen es erstickt, sind den unterentwickelten Völkern gestohlen worden.“ Es ist über 50 Jahre her, es hat sich nichts geändert, es ist skandalös.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Lennart Malmer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Concerning Violence“ im Kino in Berlin

Concerning Violence, Schweden/USA/Dänemark/Finnland 2014; Regie: Göran Hugo Olsson; 85 Minuten

Kinostart: Do, 18. September 2014

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