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Im Kino: „Dancing in Jaffa“

Dancing in Jaffa

In New York ist Pierre Dulaine eine Instanz: Man kennt den eleganten Tänzer für sein „Dancing Classrooms“-Konzept, bei dem Schulkinder die Kunst des Gesellschaftstanzes erlernen; 2006 erzählte die Doku „Mad Hot Ballroom“ davon. In „Dancing in Jaffa“ steht der berühmte Tanzlehrer erneut im Zentrum. Diesmal ist seine Mission auf besondere Weise persönlich: Er will israelische und palästinensische Schüler gemeinsam zum Tanzen bringen, und zwar in Jaffa, seinem Geburtsort, aus dem der Spross irisch-palästinensischer Eltern 1948 im Zuge der israelischen Staatengründung floh.
Regisseurin Hilla Medalia steigt mit ihrer Dokumentation des Projekts ein, als der 69-Jährige in Jaffa ankommt und sich unsicher und ergriffen in den Straßen seiner Kindheit bewegt. Von dem persönlichen Motiv ahnen die Kinder freilich nichts, auf die Dulaine später in verschiedenen Schulen mit wahlweise jüdisch-israelischer, palästinensisch-israelischer oder gemischter Schülerschaft trifft. Für sie ist der alte Herr zunächst bloß ein Lehrer mit obskurem Plan: Dass Jungen und Mädchen einander berühren sollen, passt nicht in die Vorstellungswelt vieler muslimischer Familien, dass sich die Tanzpaare aus arabischen und israelischen Kindern formieren sollen, löst kollektive Abwehr aus.
Tatsächlich sieht es anfangs so aus, als komme Dulaine mit seiner Übung in Toleranz nicht weit. Erst, als er seine langjährige Tanzpartnerin Yvonne Marceau anreisen lässt und mit der liebenswürdigen Dame schwerelos übers Schulparkett weht, bricht das Eis: In Szenen wie dieser steckt viel Magie, deren Wirkung sich in den Gesichtern der gebannt zuschauenden Kinder spiegelt. Von da an kommen die Tanzstunden ins Rollen, und der Film folgt – ähnlich wie in „Mad Hot Ballroom“ oder der Berliner Doku „Rhythm is it!“ – einigen Kindern auf ihrem persönlichen Entwicklungspfad. Einprägsam etwa die verschlossene, füllige Noor, deren allein erziehende arabische Mutter im heimischen Wohnzimmer die Verwandlung ihrer Tochter begleitet, die sich langsam zur kleinen Salomй entwickelt. Als fiktive Geschichte wäre das fast schon zu schön, um wahr zu sein. Doch hier sieht man einfach staunend zu.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Adam Martin Cohen / MFA+ FilmDistribution e.K.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Dancing in Jaffa“ im Kino in Berlin

Dancing in Jaffa?, USA/Israel 2013; Regie: Hilla Medalia; 90 Minuten; FSK 0

Kinostart: 9. Januar

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