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Im Kino: Daniel Craig als James Bond in „Spectre“

Spectre

„Kuckuck!“ Aus dem Schatten einer ?Begräbnisfeier, zu der James Bond wieder einmal keine Einladung hat, schält sich das Gesicht von Christoph Waltz. Sechs Jahre nach seinem Eintritt ins Weltkino mit „Inglourious Basterds“ hat er nun eine andere, ikonische Figur des Bösen übernommen. Den Mann, den er verkörpert, gibt es seit der Frühzeit des Kino-Bond-Universums. Es ist Blofeld, der Kopf des Triumvirats, das mit der Verbrecherorganisation Spectre alle Fäden im Hintergrund zusammenhält. Der Kuckucksruf dieser Schattengestalt, die Waltz mit der ihm eigenen unaufgeregten Technik spielt, gilt Bond selbst. Dank der unerschöpflichen Fantasie der 007-Autoren ist Blofeld Bonds Ziehbruder aus österreichischen Kindertagen. Fragen Sie nicht: „Warum?“. Fragen Sie lieber mit Waltz: „Was hat Dich so lange aufgehalten? Kuckuck!“
Nun ja, Bond kommt halt herum: von Mexiko-Stadt geht es nach Rom (die entbehrliche Mafia-Witwe Monica Bellucci und die erste, schattenhafte Waltz-Begegnung warten da), nach Altaussee und auf Alpengipfel, nach Tanger und in die marokkanische Wüste. Alles Umleitungen auf dem Weg nach London, wo im Zeichen des globalen War on Terror eine Datenfusion der größten Geheimdienste der freien Welt vorbereitet wird.
SpectreWer sich nach Sam Mendes „Skyfall“ (2012), dem mit 1,1 Milliarden Dollar Einspielergebnis bis dato erfolgreichsten Bond-Film, darüber freute, dass das Franchise eine neue Richtung eingeschlagen hatte, minimalistischer, erwachsener und psychologisierender, der wird in „Spectre“ enttäuscht. Der erzählerische Frühling von „Skyfall“ verdankte sich wohl auch dem Veto der Rechtsabteilung, bloß keine strittigen Elemente aus der Vergangenheit der Serie zu verwenden.
„Spectre“, erneut von Mendes inszeniert, ist der erste Film nach dem Ende eines filmwürdigen Wirtschaftskriegs, der zwischen den Rechteinhabern seit den Anfängen der Serie in den 1960er-Jahren geführt wurde. Der Streit berührte auch die Verbrecherorganisation Spectre und die ikonische Figur des Übergangsters Blofeld, die hier nun wiederbelebt werden, was für ein vertrautes Paradox sorgt: Die Zuschauer wissen mehr, als Bond selbst. Es sollte ihm eine Warnung sein, dass sein neues Love Interest, eine französische Gangstertochter (Lйa Seydoux) aus den österreichischen Alpen Madeleine Swann heißt, eine Verneigung der Bond-Autoren vor Prousts monumentalem Gedächtnisroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.
Der Witz für die bibliophilen Fans schließt Bond selbst aus. Für ihn ist alles Gegenwart. Für den Film ist alles nur Zitat, ein immer wieder lustvolles, oft aber auch nur schwerfälliges Mäandern in der Vergangenheit, das zugleich schon den nächsten Film vorbereiten muss – auch wenn Waltz mit hochgezogener Augenbraue Bond einmal ein herrisches „Finish it!“ zuruft. Finish it? Kommt nicht in Frage. Diese Geschichte kennt Abschiede nur auf Zeit.

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos: 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Orte und Zeiten: „Spectre“ im Kino in Berlin

Spectre, Großbritannien/USA 2015; Regie: Sam Mendes; Darsteller: Daniel Craig (James Bond), Christoph Waltz (Franz Oberhauser), Lйa Seydoux (Madeleine Swann); 148 Min.; Start 5.11.

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