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Im Kino: „Das ganze Leben liegt vor dir“

Ihren Einstieg ins Berufsleben hat sie sich anders vorgestellt. Nach einem „cum laude“ abgeschlossenen Philosophiestudium landet Marta in einem Callcenter, wo die Telefonistinnen Hausfrauen anrufen, um ihnen ein unnützes Gerät an­zudrehen; die ausschließlich männlichen Außendienstvertreter der Firma übernehmen die Auslieferung. Für eine Handvoll Euro telefoniert die Heidegger-Spezialistin Marta im Akkord, ihre Tätigkeit gleicht einer geis­tigen Tretmühle. Martas Arbeits­situation mutet surreal an: Morgens werden die Frauen von der verlogen lächelnden Bereichsleiterin Daniela mit Motivations­gesang auf Hochleistung getrimmt. Die Erfolgreichen werden bei Siegerehrungen wie dressierte Hündchen belohnt, die Versagerinnen vor versammelter Mannschaft abgekanzelt und gefeuert. Über allen thront der wie ein Superstar verehrte Chef Claudio, zwei Sicherheitskräfte sorgen handgreiflich für die Durchsetzung seiner Anordnungen. Die Gehirnwäsche der Angestellten funktioniert wie bei einer Sekte.
Dieses Szenario ist nur ein Aspekt von vielen in dieser Gesellschaftssatire, in der es unter anderem noch um Gewerk­schafts­aktivitäten oder den Machismo italienischer Männer geht. Trotz zahlreicher Handlungsmotive, unterschiedlicher Stilmittel und vieler Figuren ist die Dramaturgie kohärent und voller fantasievoller Zwischentöne, der Off-Kommentar wirkt dabei überflüssig. Auf tragikomische Weise zeigt „Das ganze Leben liegt vor dir“ Arbeitsmarktmissstände und Symptome des heutigen Zeitgeistes – nicht nur im Italien der Berlus­coni-Ära, sondern im globalen Kapitalismus allgemein. Er prangert Geltungssucht und Scheinheiligkeit an, den Zwang, beim täglichen Konkurrenzkampf in der Öffentlichkeit immer gut drauf zu sein, sich selbst und an­deren etwas vorzumachen. Dabei verbirgt sich auch hinter der attraktiven Fassade der vermeintlich Erfolgreichen menschliches Leid: Die liebeshungrige Daniela hält sich mit Alkohol und Pillen auf Trab, der von Ehe­scheidung und Schulden geplagte Chef Claudio hockt in einer Szene als heulendes Häufchen Elend einsam in seinem Büro.

Text: Ralph Umard

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das ganze Leben liegt vor dir“ im Kino in Berlin

Das ganze Leben liegt vor dir (Tutta la vita davanti), Italien 2008, Regie: Paolo Virzi; Darsteller: Isabella Ragonese (Marta), Micaela Ramazzotti (Sonia), Sabrina Ferilli (Daniela), Farbe, 117 Minuten

Kinostart: 18. März

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