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Im Kino: „Das Mädchen Wadjda“ von Haifaa Al Mansour

Das_M__dchen_Wadjda_big_c_2012RazorFilmproduktionGmbH_HighLookGroup_RotanaStudiosNur keine Filme über Opfer: Das wäre das Letzte, woran sie interessiert sei, betont Haifaa al-Mansour mehrfach. Es gehe nicht da-rum, zu leiden, sondern darum, etwas zu verändern, sich für etwas einzusetzen. Also müsse man Kämpferinnen zeigen, leidenschaftliche Heldinnen, Revolutionärinnen. So sieht ihr Film aus: „Wadjda“ ist die Geschichte einer Zehnjährigen, famos gespielt von Waad Mohammed, die in Riads Suburbia lustvoll testet, wie weit man als Mädchen in einer ultrakonservativen Gesellschaft gehen kann, die Frauenrechte systematisch beschneidet. Wadjda will ein Fahrrad besitzen, hat aber weder Geld, es zu kaufen, noch die Erlaubnis, es zu benützen. Sie will einen Koranlesewettbewerb gewinnen, um an ihr Ziel zu kommen.

Es war nicht leicht, eine passende Hauptdarstellerin zu finden, berichtet Haifaa al-Mansour: „Ich brauchte eine Heldin, deren Eltern sie unterstützten. Die es zuließen, dass sie in einem kontroversen Film spielte.“ Der Film ist eine Gratwanderung: Er ist kein flammendes Plädoyer, in seiner Ruhe und Selbstsicherheit aber auch alles andere als kompromissbereit. Mädchen oder Frauen, die öffentlich Rad fahren, sind in Saudi-Arabien nicht gern gesehen. „Sie verstoßen gegen kein Gesetz, aber sind werden sozial geächtet. Es ist zwar leichter für ein Kind, gegen die Regeln zu verstoßen. Aber wir mussten vorsichtig sein, in sicheren Gegenden drehen.“ Ein bestimmtes Verhalten werde eben „nicht erwartet“, so lautet die di-plomatische Phrase, die Haifaa al-Mansour gern benutzt. „Respekt“ ist das zweite wesentliche Stichwort. „Ich hatte nie vor, mich mit der Gesellschaft anzulegen. Ich will, dass mein Film akzeptiert wird, als intimes Porträt dieser Kultur gesehen wird. Es hätte für mich keinen Sinn ergeben, mich gegen alle Normen zu stellen. Ich wollte durchaus im System bleiben.“

Das_M__dchen_Wadjda_02_c_2012RazorFilmproduktionGmbH_HighLookGroup_RotanaStudiosNur so könne es gelingen, auch sehr traditionell denkende Menschen dazu zu bewegen, sozialen Wandel zu akzeptieren. Haifaa al-Mansour, Tochter eines Dichters, musste sich, während sie die Außenaufnahmen für ihren ersten großen Spielfilm drehte, immer wieder im Lastwagen ihres Teams verstecken. „Dabei hatten wir sogar eine offizielle Dreherlaubnis. Aber der öffentliche Druck ist zu hoch.“ Man läuft in Riad, auch wenn man keine Gesetze bricht, Gefahr, dafür bestraft zu werden: „Manche Dinge sind schriftlich nicht festgehalten. Das hat mit Tribalismus zu tun, mit kollektiven Entscheidungen. Davon kann man sich nicht einfach freimachen. Der ungeschriebene soziale Code ist einzuhalten.“ Immer wieder kamen Männer auf sie zu, drohten ihr, sie habe von der Straße zu verschwinden, sofort.

Sie setzte sich durch. Die Hassbriefe, die sie bis heute erhält, quittiert sie lakonisch. „Jeder Schriftsteller, jeder Künstler kriegt solche Briefe in Saudi-Arabien.“ Haifaa al-Mansour, heute 39, stammt aus einer Kleinstadt nahe Riad, inzwischen lebt sie in Bahrain. Ihr fast perfektes Englisch erklärt sich aus ihrer Biografie: Sie besuchte die amerikanische Universität in Kairo, arbeitete danach acht Jahre lang für ein saudisches Öl-Unternehmen. Relativ spät entschloss sie sich, Künstlerin zu werden. Erst das schnöde Berufsleben ließ sie nach Karrierealternativen suchen. „In dem Öl-Konzern war ich wie unsichtbar. Dadurch wuchs meine Sehnsucht nach einer eigenen Stimme. So kam ich auf die Idee, einen Kurzfilm zu drehen; ich hatte kaum Budget, einer meiner Brüder hielt den Scheinwerfer, ein Assistent die Kamera. Aber thematisch erregte das Werk Aufsehen, denn es handelte von einem Serienkiller, der in Frauenkleidern Frauen umbrachte. Der Film erreichte ein kleines Festival in Abu Dhabi. Und schon dort rief man: ‚Wow, die erste Filmemacherin aus Saudi-Arabien!‘ Ich bin wirklich stolz, diesen Titel zu tragen. Aber ich habe es darauf nicht angelegt; es war mir nicht einmal klar, dass ich die erste war.“

„Wadjda“ konzentriert sich auf die Unerbittlichkeit des Schulsystems und die befremdlichen Koran-Rituale, die man in Saudi-Arabien praktiziert. Man könne keinen Film über dieses Land drehen, ohne die Religion zu diskutieren, sagt Haifaa al-Mansour lächelnd. „Ich will nichts und niemanden anklagen, nur saudische Wirklichkeit zeigen und vorgefertigte Urteile bezweifeln.“ Ein Fahrrad als Lebenstraum: Der Verweis auf den italienischen Neorealismus ist deutlich. Natürlich sei „Wadjda“ auch als Hommage an De Sicas „Fahrraddiebe“ zu verstehen, sagt die Regisseurin. Das Rad sei aber auch ein schönes Symbol für jene Modernität, die sie für ihre Heimat einfordere: Es stehe für Beschleunigung und Bewegungsfreiheit.

Das_M__dchen_Wadjda_05_c_2012RazorFilmproduktionGmbH_HighLookGroup_RotanaStudiosSeit 2005, als König Abdullah, ein vorsichtiger Reformer auch in Frauenfragen, an die Macht kam, habe sich die politische Situation in ihrer Heimat ein wenig entspannt, meint die Filmemacherin noch. Das Problem sei „die Gesellschaft an sich, die extrem konservativ ist und sozialen Wandel ablehnt.“ Es werde noch Zeit brauchen, bis die Dinge sich wirklich ändern. Als Einzelkämpferin fühlt sie sich übrigens nicht. In Kunstkreisen gebe es viel Solidarität und Netzwerke aus Schriftstellerinnen, Denkerinnen und Fernsehmoderatorinnen: „Wir kennen einander und arbeiten zusammen, klar, und wir unterstützen einander. Gesellschaftlich sind wir als liberale Frauen nicht akzeptiert. Aber wir äußern unsere Meinungen offen; ich trete etwa im Fernsehen ohne Schleier auf.“

Ist „Wadjda“, eine Koproduktion zwischen Deutschland und Saudi-Arabien, ein politischer Film? „Nein. Ich sehe ihn eher als sozialen Kommentar – und als universelle Geschichte, die sich um die Realisierung eines persönlichen Traums dreht. Es ist die Geschichte der Selbstfindung eines kleinen Mädchens. Sie könnte überall spielen. Wir alle lieben Revolutionen, große Konzepte und Slogans. Aber es ist entscheidender, zu Herzen zu gehen.“

Text: Stefan Grissemann

Foto: 2012 Razor Film Produktion GmbH / High Look Group / Rotana Studios

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das Mädchen Wadjda“ im Kino in Berlin

Wadjda Deutschland/Saudi-Arabien 2012; Regie: ?Haifaa Al Mansour; Darsteller: Reem Abdullah (Mutter), Waad Mohammed (Wadjda), Abdullrahman Al Gohani (Abdullah); 97 Minuten; FSK 0;

Kinostart: 5. September

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