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„Das Salz der Erde“ im Kino

„Ich hatte schon als Kind eine Kamera, seit ich sechs oder sieben war, und habe fotografiert, solange ich mich erinnern kann. Das war so selbstverständlich für mich wie Atmen, Schlafen, Essen, Musikhören.“
Wim Wenders holt ein bisschen aus, um einen Bogen zu seinem neuen Dokumentarfilm zu schlagen. Einem Film über einen Fotografen, von einem Fotografen. „Ernst genommen habe ich das Fotografieren seit 1983, als ich angefangen habe, mit einer Mittelformatkamera zu arbeiten. Seitdem ist die Fotografie langsam zu meinem zweiten Beruf geworden“, erzählt Wenders, der sich an seine erste Begegnung mit einem Foto von Sebastiгo Salgado noch gut erinnern kann. „Das war 1987 oder 88, in einer Galerie in L.A. Eine Serie von aberwitzigen Bildern aus einer Goldmine in Brasilien. Ein riesiges Loch, mit Tausenden von Männern, die darin herumwuselten wie in einem gewaltigen Ameisenhaufen. Um diese Fotos zu machen, musste man da hinabgestiegen sein und viel Zeit darin zugebracht haben. Dieser Fotograf war ein Abenteurer und hatte keine Angst. Und er hatte ein gutes Auge.“ Der Fotograf heißt Sebastiгo Salgado. „Den Namen habe ich mir gemerkt. Und ein Bild gekauft.“
Was die Menschen, die er in seinen Dokumentarfilmen porträtiert, anlangt, so hat Wenders eine klare Haltung: „Ich mache Dokumentarfilme, weil ich etwas, was mir viel bedeutet, mit möglichst vielen Menschen teilen will, ob das nun die Musik von ein paar vergessenen Männern aus Kuba ist, die Choreografien einer Revolutionärin aus Wuppertal oder eben die menschenfreundlichen Fotos eines radikalen Linken aus Brasilien.“
Für Juliano Salgado, der seinen Vater wiederholt auf dessen Reisen mit der Kamera begleitet hat, bedeutete der Film auch die Aufarbeitung ihrer Beziehung. „Mein Vater“, so erzählt er, „ist emotional sehr involviert, wenn es um Fotografie geht – aber den Rest der Zeit ist er sehr rational. Damit hatte ich als Teenager meine Probleme. Als ich ihn zum ersten Mal auf einer seiner Reisen begleitete, entdeckte ich viel mehr über ihn – das hat unsere Beziehung verbessert. Das Interessanteste an Sebastiгo war aber nicht seine Beziehung zu mir, sondern seine Kunst. Aber da ich immer sein Sohn sein werde, wusste ich, wenn ich mit ihm sprechen würde, stünde unsere Beziehung, die Erinnerung an die Vergangenheit, der Würdigung seiner Arbeit im Weg.“
So kam, im Februar 2009, Wim Wenders zu dem Projekt hinzu und führte lange Gespräche mit Sebastiгo Salgado. Unzufrieden mit herkömmlich gefilmten Interviews, bediente er sich schließlich einer speziellen Technik. „Ich habe das Umfunktionieren eines Teleprompters für mich selbst als Notwendigkeit empfunden, weil ich ihn enger bei seinen Bildern und in seiner Erinnerung haben wollte. So haben wir eine Dunkelkammer erfunden, in welcher der Fotograf nur mit seinen Fotos konfrontiert ist, dabei aber gleichzeitig in die Kamera schaut.“
Gespräche, Aufnahmen von den Fotoexpeditionen, das riesige Bildarchiv Salgados und sein aktuelles ökologisches Projekt in seinem Heimatland Brasilien: eine Fülle von Material, das eine „anderthalbjährige Arbeit“ (Juliano Salgado) im Schneideraum erforderte. „Wir haben in der Tat ganz unterschiedliche Teile des Films gedreht“, konkretisiert Wenders, „und eine Weile lang auch für uns allein geschnitten. Dann haben wir eingesehen, dass wir so nie einen gemeinsamen Film hinkriegen würden, und haben bedingungslos unsere Materialien zusammengefügt.“
„Am Ende“, so resümiert Wenders, „war dieser Film für Juliano und mich auch ein abenteuerlicher Entdeckungsweg.“

Text: Frank Arnold

Foto: Sebastiao SALGADO/ Amazonas images

 

DIE FILMKRITIK

Sebastiгo Salgados weltbekannte Bilder gehen über reine Reportage weit hinaus, sie sind von Bildkomposition und Beleuchtung her klar erkennbare eigenständige Kunstwerke. Die Dokumentation „Das Salz der Erde“ rekapituliert Leben und Werk des Fotografen, wobei sich die von Salgados Sohn Juliano Ribeiro Salgado erstellten Bilddokumente der beruflichen Reisen des Vaters schlüssig mit den von Ko­regisseur Wim Wenders gedrehten Interviews verbinden, in welchen der Fotograf – während er seine eigenen Bilder betrachtet – die Hintergründe der berühmten Fotoserien erläutert. Dabei erfährt man viel über einen beeindruckenden Menschen, dem das immer wieder dokumentierte Leid der Menschen letztlich so naheging, dass er sich heute beruflich und privat vor allem mit Fragen des Umweltschutzes und der Naturschönheit beschäftigt.      

 

Text: Lars Penning

Orte und Zeiten: „Das Salz der Erde“ im Kino in Berlin

Das Salz der Erde, Frankreich/Brasilien 2014; Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado; 109 Minuten

Kinostart: Do, 30. Oktober 2014 

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