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Im Kino: Das sehenswerte Drama „Sin Nombre“

Eine der drastischsten Szenen in „Sin Nombre“ zeigt, wie ein Ermordeter in Stücke geschnitten und an Hunde verfüttert wird. „Das ist nicht erfunden“, sagt Fukunaga, „aber es ist üblicher, die Stücke zu verbrennen.“ Mit Edgar Flores in der Hauptrolle des Willy und Luis Pena als stellvertretendem Bandenchef El Sol fand der Regisseur zwei besonders authentisch wirkende Darsteller für sein Kinodebüt. „Beide haben viel gemeinsam mit ihren Rollen. Luis wurde erstmals vor etwa sechs Jahren für einen Film gecastet, da war er 17 oder 18 und kam aus einem Hardcore-Bezirk in Mexico City. Und Edgar ist aus einer ähnlich harten Gegend in Tegucigalpa. Denen brauchte ich nicht zu sagen, wie sie spielen sollten, sie kannten das schon. Und solche Typen zeigen anderen Akteuren, die nicht diesen Hintergrund haben, dass tough sein nicht so sehr mit Tollkühnheit, sondern mit einer gewissen Gefasstheit zu tun hat.“
Und tatsächlich ist die fatalistische Gefasstheit erstaunlich, mit der Willy seinem Rachetod entgegen sieht. Das Gang-Gesetz gebietet bedingungslose Loyalität der Gruppe und Kadavergehorsam dem Anführer gegenüber — er hat dagegen verstoßen und rechnet fest mit seiner Hinrichtung. Der Zusammenhalt solcher Gruppen basiert auf Angst und einem strengen System von Vorschriften und Ritualen, denen man sich unterwerfen muss (davon erzählte zuletzt auch Christiбn Povedas Dokumentation „La vida loca“). Beim Fußvolk ist es die Angst vor Isolation oder Bestrafung, bei den Führern die Angst vor Autoritätsverlust. Die Angst aller hindert daran, Inhalte und Formen des Zusammenlebens in Frage zu stellen. „Das hat auch eine Faszinationskraft“, findet Fukunaga, „das Gefühl von Stärke, das die Gang vermittelt. Es sind überraschend viele Kids aus der Mittelschicht dabei, die Anschluss suchen — es liegt also nicht immer nur an Armut.“
Die Bandenmitglieder, die der Filmemacher traf, „waren — abgesehen von einigen psychotischen Typen — in gewisser Weise
gut, in gewisser Weise schlecht“. So wie Willy. „Manche hatten mehrere Leute umgebracht, doch sie konnten trotzdem noch lustig sein, wollten noch etwas in der Welt erreichen. Sie haben einfach ein paar falsche Entscheidungen getroffen und sich an den Kreislauf der Gewalt als etwas Normales gewöhnt.“ Was die auf Angst basierenden Gruppenbeziehungen betrifft, meint Fukunaga: „In kapitalistischen Konzernen läuft es genauso. Da geht es auch um Macht und Einfluss. Die Aggression gibt es dort ebenfalls, sie ist nur anders geartet.“

Text: Ralph Umard

„Sin Nombre“ im Freiluftkino Friedrichshain, Do 8.7., 21.45 Uhr

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Sin nombre“ im Kino in Berlin

Sin nombre, Mexiko/USA 2009; Regie: Cary Joji Fukunaga; Darsteller: Paulina Gaitan (Sayra), Edgar Flores (Willy/El Casper), Kristian Ferrer (Smiley); Farbe, 96 Minuten

Kinostart: 29. April

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