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Im Kino: Das sehenswerte Drama „Sin Nombre“

Man erkennt sie an ihren Tätowierungen. Ein in die Haut gestochenes M oder MS 13 kennzeichnet sie als Mitglied der Mara Salvatrucha. Für jeden Getöteten tragen sie eine Träne, manche sind im ganzen Gesicht tätowiert — ein furchteinflößender Anblick. Wie kommt ein harmlos und liebenswürdig wirkender US-Filmstudent schwedisch-japanischer Abstammung dazu, seinen ersten Spielfilm ausgerechnet über die mörderischste Jugendgang Mittelamerikas zu drehen, noch dazu vor Ort im Süden Mexikos?
„Ich hatte an der Uni einen Kurzfilm über illegale Immigranten aus Zentralamerika in Texas gedreht“, erklärt Cary Joji Fukunaga, „und hatte dazu jede Menge Material gesammelt. Dabei fand ich zu meiner Überraschung heraus, dass nicht der Grenzübertritt in die USA, sondern die Reise auf den Dächern von Güterzügen durch Mexiko das gefährlichste an ihrer Reise war, und diese Gefahren werden im Film gezeigt.“
Fukunagas Rail-Movie „Sin Nombre“ beginnt mit der Darstellung des gewaltgeprägten Alltags und der Gebräuche einer MS-13-Gang in Tapachula, nahe der Grenze zu Guatemala. Der 18-jährige Willy, genannt El Casper, rekrutiert den zwölfjährigen Smiley als neues Bandenmitglied. Bei der Aufnahmeprüfung wird der Junge von seinen zukünftigen Kumpanen zusammengeschlagen, dann muss er einen Gefangenen erschießen. Er zögert keine Sekunde.
Als der brutale Bandenboss Lil‘ Mago Willys Geliebte umbringt und beim Überfall auf einen Zug mit Honduranern Richtung Norden ein Mädchen vergewaltigen will, erschlägt Willy seinen Anführer kurzentschlossen. Damit ist er selbst zum Tode verurteilt, alle MS-13-Mitglieder Mexikos machen nun Jagd auf ihn. Bei der Flucht auf dem Zugdach kommen sich Willy und das von ihm gerettete Mädchen näher; gemeinsam versuchen die Teenager, sich zur Grenze nach Texas durchzuschlagen.
Um das Filmgeschehen möglichst naturgetreu zu gestalten, recherchierte Fukunaga viele Monate in der Provinz Chiapas. Er interviewte Gangmitglieder in Gefängnissen, knüpfte Kontakte in ihren Wohnbezirken und reiste sogar selber mit Honduranern auf dem Zugdach durchs Land. „Mein Stiefvater war Mexikaner, und wir verbrachten viel Zeit in Mexiko. Da lernte ich schon früh die Sprache und den Umgang mit den Kids dort. Das machte es leichter, mich mit den Gangmitgliedern zu verständigen und ihr Vertrauen zu erlangen. Um das Bandenleben live zu erleben, braucht man natürlich Verbindungen. Ich lernte ein noch immer aktives, einflussreiches Mitglied in Tapachulas kennen. Es bedurfte allerdings sehr viel Beharrlichkeit und Überredungskunst, bevor er ein Treffen mit der Gang arrangierte.“

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