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Im Kino: „Das taurige Leben der Gloria S.“

Das traurige Leben der Gloria S.

Das Leben, „wie es wirklich ist“, ist zunehmend zur wichtigsten Fiktion im gegenwärtigen Unterhaltungsbetrieb geworden. Hier testet jemand ein Restaurant, da mistet jemand einen Kleiderschrank aus, dort zieht sich jemand für „Big Brother“ aus, und in jeder Kleinstadt eilen Menschen zu Castings, um dort ihr Innerstes nach außen zu stülpen. Überall spielen Leute sich selbst, dass sie dies im Rahmen von viel Kleingedrucktem in ihren Verträgen tun, muss das Publikum nicht groß kümmern.
Ein Film aus Berlin nimmt den Kult der Authentizität nun sehr pointiert aufs Korn: In „Das traurige Leben der Gloria S.“ von Christine Groß und Ute Schall treffen zwei kulturelle Bereiche aufeinander und ergeben gemeinsam ein zynisches Drittes. Auf der einen Seite befindet sich die Filmemacherin Charlotte, die einen schlechten Film über Ulrike Meinhof gedreht hat („total im Melodram hängengeblieben“, beanstandet ein kritischer, altlinker Freund), und nun mit einem Dokumentarfilm ganz nah ans Leben heranwill. Auf der anderen Seite steht die Schauspielerin Gloria, die bei Charlotte zum Casting geht und dort eine so haarsträubende Legende zu ihrer Person erfindet (Hartz IV, Gefängnis, dort vom Wärter vergewaltigt, daraus eine sechzehnjährige Tochter), dass sie prompt die Hauptrolle bekommt.
Die „Inszenierung“ des Authentischen schafft von nun an mit jeder guten Idee und jeder zufälligen Störung neuen Fiktionsbedarf, den Gloria Schneider (Christine Groß) mit Hilfe ihrer Theatergruppe (mit der sie gleichzeitig „Die Bakchen“ probt) in immer chaotischeren Improvisationen erfüllt. In ihrer Darstellung der Filmwelt sind Groß und Schall, die aus dem Zusammenhang des Filmkollektivs „hangover ltd.“ kommen, nicht eben subtil. Es ist eher die konzeptuelle Eleganz, die an „Das traurige Leben der Gloria S.“ überzeugt, die Methodik, mit der hier theatralische auf filmische Produktion bezogen wird. In einem schnell geschnittenen „Reality-Format“ findet schließlich alles so grotesk zusammen, dass man darüber fast vergessen könnte, dass der ganze Film „Das traurige Leben der Gloria S.“ im Grunde so etwas wie ein Realitätsformat ist: intellektuelle Gruppenarbeit auf Grundlage des kollektiven Imaginären.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das traurige Leben der Gloria S.“ im Kino in Berlin

Das traurige Leben der Gloria S., Deutschland 2011; Regie: Christine Groß, Ute Schall; Darsteller: Christine Groß (Gloria Schneider), Nina Kronjäger (Charlotte Weiss), Margarita Broich (Margarete); 75 Minuten; FSK 12

Kinostart: 12. Januar

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