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Im Kino: „Das Wetter in geschlossenen Räumen“

Im Kino:

Offenbar verfügt Dorothea Nagel über ein großzügig bemessenes Spesenkonto. Sie kann es sich leisten, ihre Hotelsuite von ihrem Liebhaber Alec zerlegen zu lassen. Es geschieht wie nebenbei und im Verlaufe eines jener Gelage, in die ihre Tage zu münden pflegen. Mal wird nur zu zweien gesoffen, mal stoßen Geschäftspartner in Anzügen dazu, mal der Freund des eigentlich viel zu jungen Liebsten, der auch irgendwas von ihr will. Alle wollen immer irgendwas von ihr. Und auch sie will immer etwas von den anderen. Doch nur selten ist man sich in der Richtung des Wollens einig und so bleibt da immer eine große Nicht-Befriedigung und eine Leere, die die Menschen voneinander trennt.
Der Verlauf der Handlung von Isabelle Stevers „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ ließe sich in etwa so beschreiben: Eine selbstbewusste Geschäftsfrau setzt einen Businessdeal in den Sand, nicht zuletzt, weil sie sich von potenten Jungspunden den Kopf verdrehen lässt. Gesagt ist damit allerdings noch nicht viel, denn unter der Oberfläche erzählt Stever von mehr und anderem als von bloßen Ereignissen.
Dorothea Nagel nämlich arbeitet als Entwicklungshelferin in einem arabischen Krisengebiet. Und ihre Arbeit besteht weniger in konkreter Hilfe wie beispielsweise Brunnenbau oder Lebensmittelverteilung als vielmehr im Einwerben von Spenden, die Hilfsprojekte erst ermöglichen. Notwendig hierzu ist das Aufrechterhalten einer vergleichsweise glamourösen Fassade; Dorothea ist unterwegs in den Lobbys internationaler Luxushotels, sie organisiert Charity-Events und fotogene Gelegenheiten für Prominente, die sich engagieren und dabei doch nicht jenem Elend zu nahe kommen wollen, dessen Bekämpfung Dorotheas eigentlicher Antrieb ist. In diesem Widerspruch nun sieht sie sich zunehmend zerrieben, sie trinkt zu viel, sie verliert die Kontrolle, und auch das Spiel der charmanten Manipulation, das ihr Beruf ist, will ihr immer weniger gelingen.
Am Beispiel Dorothea Nagels macht Stever eine Parallelwelt sichtbar, in der Entwicklungshelfer, Konfliktberichterstatter, Handelsleute in einem schizophrenen Zwiespalt agieren: Einerseits angetreten zu helfen, zu unterstützen und aufzuklären, sind sie andererseits für ihren Lebensunterhalt angewiesen auf Tod und Zerstörung. Genau hier wird das Geschäft mit Krieg und Armut gemacht und genau hier beginnen Verzweiflung und Zynismus. Vom gedanklichen Ansatz her ist „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ also ein ziemlich kluger Film.
Dass er einen dann letztlich doch ein wenig enttäuscht zurücklässt, liegt am etwas arg kolportagehaft geratenen Plot sowie an einigen Charakterisierungsstereotypen, gegen die die Schauspieler keine Mittel finden. Maria Furtwängler mag man es ja noch vergeben, dass sie ihre stolze Dorothea ans Cougar-Klischee ausliefert. An Mehmet Sözers Alec jedoch nervt nicht nur die Stubentiger-Attitüde, sondern vor allem der Umstand, dass er sie seinem Publikum theaterhaft übertreibend förmlich um die Ohren haut. So wird zunächst Glaubwürdigkeit verspielt – und dann die Bereitschaft mitzudenken. Das ist dann doch sehr bedauerlich.?


Text: Alexandra Seitz

Foto: Movienet Filmverleih

Orte und Zeiten: Das Wetter in geschlossenen Räumen

Das Wetter in geschlossenen Räumen D/A 2015; R: Isabelle Stever; D: Maria Furtwängler (Dorothea), Mehmet Sözer (Alec), Anne von Keller (Aurelie); 97 Min.

Kinostart: Do, 28. Januar 2016

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