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Im Kino: „Das Wochenende“

Das Wochenende

„Das Wochenende“ erzählt vom Einbruch der Vergangenheit in das alternativ-arrivierte Leben von Inga, als ihr Ex-Mann Jens, der 18 Jahre wegen eines RAF-Attentates im Gefängnis gesessen hat, überraschend entlassen wird. Seine Schwester Tina plant eine kleine Willkommensfeier im idyllischen Landhaus und lädt auch den alten Weggefährten Henner dazu, der inzwischen mit einem Roman über seine Erfahrungen Karriere gemacht hat. Doch damals war Verrat im Spiel, und nun, da er an Krebs erkrankt ist und nichts zu verlieren hat, will Jens endlich die Wahrheit wissen. Dabei werden alte ideologische Gräben aufgerissen, bis plötzlich Gregor, der gemeinsame Sohn von Jens und Inga, mit einer ganz eigenen Agenda auftaucht. Nina Grosses freie Verfilmung des gleichnamigen Romans von Bernhard Schlink, der seinerseits von der Biografie des RAF-Führungsmitglieds Christian Klar inspiriert ist, nutzt die pastorale Stimmung des dekorativ halbsanierten Anwesens für eine differenzierte Orchestrierung der verschiedenen Charaktere und Konfliktlinien.
Die Zuspitzung auf die Konfrontation von Vater und Sohn bringt jedoch ein dramatisches Ungleichgewicht. Das Politische tritt hinter dem Privaten zurück, die emotionale Verdichtung wirkt forciert. Das Ergebnis ist eine gediegene, souverän gespielte Produktion, deren Beschäftigung mit familiären und politischen Brüchen aller aufgerufenen Betroffenheit zum Trotz in der TV-kompatiblen Komfortzone bleibt. Oskar Roehler hat in seinen „Quellen des Lebens“ gezeigt, dass es auch anders geht, dass man es vielleicht anders machen muss, auch wenn einiges dabei schiefgehen kann. Hier wird stattdessen ein Milieufetischismus zelebriert, der Teil ist des spezifischen Ausstattungskinos der neobürgerlichen Berliner Republik, in dem das uckermärkische Refugium aussieht wie eine Fotostrecke zum Thema „Shabby Chic“ in der Zeitgeistpostille „Landlust“. „Das Wochenende“ hinterlässt Ratlosigkeit darüber, was es mit der Heldenkonstruktion im deutschen Film auf sich hat, dass gerade die RAF-Veteranen immer so verdammt coole Hunde sind, in die sich Teenager aus dem Stand verknallen. Diese Frage scheint sich der Film auch zu stellen, wenn Henner Jens ein T-Shirt schenkt mit der Aufschrift „Du bist Pop!“. Eine Antwort findet er darauf nicht.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Stephan Rabold / UFA-Cinema

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Das Wochenende“ im Kino in Berlin

Das Wochenende, Deutschland 2012; Regie: Nina Grosse; Darsteller: Katja Riemann (Inga Lansky), Sebastian Koch (Jens Kessler), Tobias Moretti (Ulrich Lansky); 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 11. April

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