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Im Kino: „Der Aufsteiger“

Der Aufsteiger

In einem eleganten, stilvoll eingerichteten Büro, das man sich gut im Elysйe-Palast vorstellen könnte, tummeln sich schwarz maskierte Männer mit einer nackten Frau und einem Krokodil. Aber gerade, als die Frau vor dem Tier auf die Knie geht und spielerisch ihren Kopf in das weit geöffnete Maul schieben will, klingelt plötzlich schrill ein Telefon und reißt den französischen Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean brutal aus seinem Traum – und den Zuschauer aus der anfänglichen Verwirrung. Bereits die ersten Bilder dieser surrealen Szene deuten an, worum es Regisseur Pierre Schoeller in seinem Film „Der Aufsteiger“ geht – um die unterschwelligen Phantasmagorien und die Erotik der Macht, die hinter den dichten Türen der Ministerien brodelt. Um dann sogleich mit einem brutalen Schnitt auf die kühle Analytik der fieberhaften, alltäglichen Routine eines französischen Politikers umzuschwenken.
Das Kabinett hat einen Notruf von einem dramatischen Verkehrsunfall erhalten, der aufgeregt aus den Vorzimmern an den verschlafenen Minister weitergeleitet wird. Ein mit Kindern besetzter Autobus ist auf den verschneiten Straßen in den Ardennen von der Straße abgekommen und in einen Graben gestürzt, es gibt Tote und Verletzte. Der Minister wird vor Ort erwartet, um die in einem solchen Fall von ihm erwarteten Worte zu sprechen.
Minutiös beschreibt Schoeller, wie die Logistik in Gang gesetzt wird, um Bertrand Saint-Jean so schnell wie möglich in einem Helikopter an den Unfallort zu transportieren, die Verhandlungen zwischen dem Minister und dem Präfekt und die Überlegungen, in welchen politischen Subtext sich die Nachricht von dem Unfall einbetten lässt. Vor Ort irren verstörte Kinder und vom Schmerz überwältigte Eltern im Schnee zwischen den Feuerwehrmännern und Notarztteams – eine gruselige Szenerie, deren Inszenierung den Zuschauer nicht schont.
Der AufsteigerAuch der Minister nimmt sie in sich auf, aber er verwandelt sie bereits mental zu der Botschaft um, die er vor den Kameras der Nation von sich geben wird, während neben ihm seine Pressesprecherin Pauline noch schnell dafür sorgt, dass er vorher seine unpassende Krawatte mit der des Einsatzleiters tauscht. Schoeller gelingt es, diese beiden Realitäten sozusagen in einem Bild zu ver­einigen.
Aber Bertrand Saint-Jean ist kein karikaturhaft gezeichneter Zyniker. Als das Kamerateam abgezogen ist, muss er sich erst mal übergeben. Auch französische Politiker sind ganz normale Menschen – was sie allerdings von anderen unterscheiden mag, ist ihre unersättliche Machtgier. Saint-Jean ist ein Aufsteiger, er stammt nicht aus dem Serail der französischen Elite, er hat Ideale und Ideen, die er gerne durchsetzen möchte. Eines seiner politischen Anliegen, für das er sich stark­macht, ist zu verhindern, dass unter der neoliberalen Regierung die Bahnhöfe privatisiert werden. Eine Agenda, die ihn bald nur noch um sein nacktes politisches Überleben kämpfen lässt, selbst wenn er dafür faule Kompromisse schließen muss. „Ich wollte einen Mann zeigen“, so der Regisseur, „der ganz einfach nicht die Mittel hat, für seine Überzeugungen einzustehen.“
Schoeller inszeniert die Mechanismen des politischen Überlebenskampfes mit derselben Präzision wie die Szene am Unfallort. Die Konstruktion des Drehbuchs nährt sich aus dem Gegensatz zwischen den beiden Hauptfiguren , dem Aufsteiger Saint-Jean und seinem Kabinettsdirektor Gilles (gleichermaßen ideal besetzt mit Michel Blanc), einem Intellektuellen, der recht erfolgreich seine Karriere weitab der Kameras im Inneren der Ministerien vorantreibt.
Ein Teil der achtjährigen minutiösen Vorbereitungen Schoellers für den Film war eine genaue Analyse von Photos von Politikern, von Salomons Bildern der Kabinettsitzungen 1931 bis hin zu aktuellen Bildern der Dresscodes und Körpersprache. „Man hat den Eindruck,als könnte man einfach nur die Köpfe austauschen, die Haltung bleibt dieselbe“, sagt Schoeller.
Schoellers in Frankreich einhellig von Presse und Publikum gefeierter Film wirft einen gnadenlosen Blick hinter die undurchsichtigen Kulissen des französischen Machtsystems und seziert wie mit dem Skalpell die alltäglichen Mechanismen des Staatsapparats und die unersättlichen Ambitionen seiner Politiker.

Text: Barbara Lorey

Fotos: Jerome Prebois / Kool Filmdistribution

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Aufsteiger“ im Kino in Berlin

Der Aufsteiger (L’exercice de l’etat), Frankreich/Belgien 2011; Regie: Pierre Schoeller, Darsteller: Olivier Gourmet (Transportminister Bertrand Saint-Jean), Michel Blanc (Stabschef Gilles); 115 Minuten; FSK: k.A.

Kinostart: 22.November

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