Kino & Stream

Im Kino: „Der Geschmack von Rost und Knochen“

Der Geschmack von Rost und Knochen

Ein Film der Gegensätze: Eingangs wird der düstere Norden mit dem sonnendurchfluteten Süden Frankreichs vertauscht, dessen Strände, an denen das Meer von einem magischen Glitzern durchzogen ist, einen herben Kontrast liefern zu jenem Zimmer, aus dem Ali das Tageslicht aussperrt. Mit seinem fünfjährigen Sohn ist er aus Belgien nach Antibes gekommen und hat sich bei seiner Schwester einquartiert. Als scheue er das Licht, arbeitet Ali zunächst als Türsteher eines Clubs, später wird er seinem bulligen Chef helfen, im Dunkel der Nacht Überwachungskameras zu installieren. Und er wird für ihn in unbelebten Seitenstraßen Faustkämpfe austragen, die zahlreiche Zuschauer finden.
Keine Frage, mit seinen Fäusten versteht der ehemalige Boxer umzugehen, so kann er einmal auch eine Frau nach Hause fahren, die sich in der Disco eine blutige Nase eingefangen hat. Stйphanie arbeitet als Trainerin mit Walen, eine Touristenattraktion. Ihre erste Begegnung bleibt folgenlos, doch Monate später ruft sie den Mann an, der ihr an jenem Abend seine Telefonnummer dagelassen hatte, falls sie mal Hilfe brauche. Zu diesem Zeitpunkt ist Stйphanie allerdings nicht mehr dieselbe. Ein schrecklicher Arbeitsunfall hat dazu geführt, dass ihr beide Beine amputiert wurden. Jetzt schließt sie sich in ihrer Wohnung ähnlich von der Welt aus wie Ali. Beide hadern mit sich selbst. Aber wie Ali Stйphanie hilft, etwa sie aus ihrem Rollstuhl auf seinem Rücken ins Meer trägt, das verändert auch ihn, er öffnet sich.
„Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist keine Sozialreportage, sondern ein großes (Melo-)Drama in Cinemascope, dessen Kunst allerdings darin besteht, das melodramatische Potenzial mit dokumentarischer Nüchternheit zu konterkarieren, auch mittels des verhaltenen Spiels, bei dem der französische Star Marion Cotillard („La vie en rose“) und der belgische Nachwuchsstar Matthias Schoenaerts („Bullhead“) auf Augenhöhe agieren.
„Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist seit 1994 die sechste Regiearbeit von Jacques Audiard, der zuvor als Drehbuchautor begann und hierzulande erst mit seinem vierten Film „Der wilde Schlag meines Herzens“ bekannt wurde.
Auch in seinem neuen Film zeigt Audiard, dass er sich auf physisches Kino versteht und ein souveränes Verhältnis zur Darstellung von Emotionen hat. So gibt es ganz am Ende eine höchst dramatische Szene, die Audiard als Plansequenz inszeniert, mit dem Vater im Vordergrund und dem Sohn, der im Hintergrund verunglückt. Das hätte man traditionell in Schnitt und Gegenschnitt aufgelöst, in dramatische Großaufnahmen, unterstrichen von einer ebenso dramatischen Musik. Immerhin geht es dabei um nicht weniger als um Tod und Wiederauferstehung.

Text: Frank Arnold

Foto: Wild Bunch Germany und Central Film Verleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Der Geschmack von Rost und Knochen“ im Kino in Berlin

Der Geschmack von Rost und Knochen (De rouille et d’os), Frankreich 2012; Regie: Jacques Audiard; Darsteller: Marion Cotillard (Stйphanie), Matthias Schoenaerts (Ali), Armand Verdure (Sam); 127 Minuten; FSK 12

Kinostart: 10. Januar

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Jacques Audiard und Matthias Schoenarts

Mehr über Cookies erfahren