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Im Kino: „Der letzte der Ungerechten“

Der letzte der Ungerechten

Die fast zehn Stunden von Claude Lanzmanns „Shoah“ (1985) gelten aus guten Gründen als das verbindliche filmische Werk zur Geschichte der nationalsozialistischen Vernichtungsanstrengungen gegen die europäischen Juden. Nicht zuletzt deswegen, weil „Shoah“ auf Negationen gegründet ist: kein Material aus den Archiven (es hätten die Archive der Täter sein müssen), sondern eine oftmals ungeheuer schmerzhafte Erinnerungsarbeit von Zeugen, die überlebt haben.
So monumental „Shoah“ sich in die Geschichte der Vergangenheitsbewältigung eingeschrieben hat, so unabschließbar erwies sich die Beschäftigung mit dem Thema für Lanzmann selbst. 2001 ließ er „Sobibуr, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ folgen, das kämpferische Gegenstück, in dem minutiös ein Aufstand in einem Vernichtungslager rekonstruiert wird.
Und nun hat Lanzmann einen Komplex aus seinen riesigen Materialbeständen zugänglich gemacht, den er damals bei „Shoah“ ausgespart hat, weil die Sache zu schwierig erschien: In „Der letzte der Ungerechten“ sehen wir ihn im Gespräch mit Benjamin Murmelstein, der als Judenältester in Theresienstadt auch dafür zuständig war, Menschen in die Züge in den Tod zu geleiten.
Nach dem Krieg war Murmelstein eine bei vielen Juden verhasste Figur – er galt als Kollaborateur, der vergeblich beteuerte, er hätte alles getan, um wenigstens einige zu retten. Lanzmann besuchte Murmelstein für „Shoah“ in Rom. Man spürt seine Faszination für den alten, hässlichen Mann, der mit Eichmann einen Pakt einging, der ihn zu einem „Ungerechten“ machte. Eine Opferrolle mit Täteraspekten, der Lanzmann nicht mehr ausweichen konnte.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Koch Media

 

Der letzte der Ungerechten (Le dernier des injustes), Frankreich/Österreich 2013; Regie: Claude Lanzmann; 220 Minuten

Kinostart: Do, 07. Mai 2015

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