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Im Kino: „Der letzte Exorzismus“

Der letzte Exorzismus

Den Provinz-Prediger Cotton Marcus (Patrick Fabian) muss man sich als eine Kreuzung aus dem erhabenen Max von Sydow in „Der Exorzist“ und dem desillusionierten Zeichentrick-Reverend Timothy Love­joy aus „Die Simpsons“ vorstellen. In dem Fake-Doku-Horrorfilm „Der letzte Exorzismus“ lebt er sehr gut vom Geld seiner bibeltreuen Anhänger, die engagiert „Hallelujah“ rufend an seinen Lippen hängen. Getreu dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ führt Marcus regelmäßig mit billigen Zaubertricks gespickte Teufelsaustreibungen durch. Doch seit ihm einleuchtet, dass solche Befreiungsdienste vom Einfluss des Bösen nichts an den wahren Problemen der Behandelten ändern und auch schon einmal mit dem Tod eines angeblich besessenen Kindes enden können, plagen den Zyniker Schuldgefühle. Deshalb will er den eigentlich lukrativen Schwindel aufdecken und seinen letzten Exorzismus von einem Fernsehteam begleiten lassen. Doch bei seinem Hokuspokus mit der vermeintlich besessenen Farmerstochter Nell (Ashley Bell) wird dem Prediger vor laufender Kamera zum ersten Mal in seiner Exorzistenkarriere mulmig zumute. Denn in das junge Mädchen mit verdrehtem Hals scheint tatsächlich ein Dämon gefahren. Und der Gehörnte hat das Mädel auch noch geschwängert.
Der Pseudodokumentarismus hat sich durch günstig produzierte Erfolgsfilme wie „The Blair Witch Project“ (1999) und „Paranormal Activity“ (2007) als ein beliebtes Stilmittel des modernen Horrorkinos etabliert. Die Behauptung, die Geschehnisse auf der Leinwand seien Realität, lösen beim Zuschauen wohligen Grusel aus. Einen großen Anteil an der Wirkung des Films hat die ausgefeilte Wackelkamera, die das wie zufällig abgebildete Grauen oft in schaurige Unschärfen taucht. Manchmal ist es eben einfach gruseliger, weniger zu sehen und nur dem Knochenknacken auf der Tonspur zu lauschen. An „Der Exorzist“, die Mutter aller Teufelsaustreiberfilme aus dem Jahr 1973, reicht „Der letzte Exorzismus“ natürlich nicht heran. Aber der deutsche Regisseur Daniel Stamm und sein amerikanischer Produzent Eli Roth (bekannt durch Torture-Porn wie „Hostel“) gehen mit erfrischender Respektlosigkeit – sowohl dem Genre als auch dem religiösen Wahn gegenüber – an ihr Teufelswerk.

Text: Jörg Buttgereit

Foto: Patti Perret

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der letzte Exorzismus“ im Kino in Berlin

Der letzte Exorzismus (The Last Exorcism), USA/Frankreich 2010; Regie: Daniel Stamm; Darsteller: Patrick Fabian (Cotton Marcus), Ashley Bell (Nell Sweetzer), Iris Bahr (Iris Reisen); 87 Minuten

Kinostart: 30. September

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