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Im Kino: „Der letzte schöne Herbsttag“

Der letzte schöne Herbsttag

Sie gehören zu den großen ungelösten Beziehungsrätseln: Paare, die sich an ihren Gegensätzen und der Kollision von Wunschbild und Wirklichkeit aufreiben. Die sich aufgrund von Missverständnissen ständig genervt in die Haare kriegen. Und die doch nicht voneinander loskommen, weil sie sich lieben. Irgendwie. Auch Leo und Claire in Ralf Westhoffs „Der letzte schöne Herbsttag“ gehören zu den Paaren, die dieser mysteriöse Klebstoff zusammenhält, obwohl sie eigentlich nicht sonderlich gut zueinander passen: Sie ist Hypochonderin und hält ihn manchmal für einen emotionalen Eiswürfel. Er hat ein ausgeprägtes Öko-Verbraucherbewusstsein und will nicht immer alles ausdiskutieren. Sie mag Romantik-SMS. Er sagt, er sei nicht Rilke. Sie ist handwerklich geschickt. Er kann nicht mal seinen platten Reifen flicken.
Mit Partnerschaftsfragen hatte sich Regisseur Westhoff bereits in seinem Debüt „Shoppen“, einem filmgewordenen Speed-Dating-Marathon, beschäftigt. Für den Schwenk von der Single- auf die Paarperspektive besetzt er mit Julia Koschitz und Felix Hellmann nun auch zwei seiner damaligen Darsteller in den Rollen von Leo und Claire. Die beiden stehen nahezu uneingeschränkt im Zentrum jeder Einstellung von „Der letzte schöne Herbsttag“: Entweder sie sprechen – jeder für sich – direkt in die Kamera und beklagen sich dabei über das Unverständnis ihrers Partners. Oder Westhoff zeigt Ausschnitte aus ihrem konfliktreichen Alltag, in dem ebenfalls sehr viel und oft deutlich zu viel geredet wird.
Während die eine oder andere Beziehungswahrheit aus Claire und Leo heraussprudelt, ist Westhoff jedoch bemüht, die typischen Zuordnungen von Geschlechtereigenschaften aufzubrechen und hat wie bereits in „Shoppen“ an den Dia- und Monologen sorgfältig herumgefeilt. Gelegentlich ist das Resultat durchaus komisch, manchmal aber auch anstrengend – so wie das Spiel von Koschitz und Hellmann, die wie zwei Schauspielschüler auf Speed wirken.
Vor allem aber hätte es dem Film gut getan, zwischendurch mal etwas abzubremsen und der tieferen Erforschung der Emotionen hinter den vielen Worten mehr Raum zu lassen. Trotz aller pointierten Beobachtungen ist „Der letzte schöne Herbsttag“ so stattdessen immer wieder nah dran, im Dauergelaber ab­zusaufen.

Text: Sascha Rettig

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Der letzte schöne Herbsttag“ im Kino in Berlin

Der letzte schöne Herbsttag, Deutschland 2010; Regie: Ralf Westhoff; Darsteller: Julia Koschitz (Claire), Felix Hellmann (Leo), Katharina Maria Schubert (Yvonne); 85 Minuten, FSK 0

Kinostart: 11. November

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