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Im Kino: „Der Sohn der Anderen“

Der Sohn der Anderen

Nach der Geburt vertauschte Babys waren schon oft ein Thema im Kino, zuletzt vor einem Jahr im japanischen Sozialdrama „Like Father, Like Son“, in dem ein dünkelhafter Reicher unwissentlich den Sprössling einer Kleinbürgerfamilie aufzieht, in der sein leiblicher Nachkomme lebt.
Im Fall von „Der Sohn der Anderen“ ist die Situation weit brisanter, denn hier handelt es sich um Kinder verfeindeter Völker. Ein Oberst der israelischen Luftwaffe fällt aus allen Wolken, als sich herausstellt, dass sein vermeintlicher Stammhalter Joseph ein Palästinenser ist. Sein wirklicher jüdischer Sohn wuchs als Moslem namens Yacine in der Familie Al-Bezaaz auf. Der verträumte Joseph, ein eifriger Thora-Schüler, gerät in eine religiöse Identitätskrise. Muss er nun den Koran studieren? Der in Paris ausgebildete, weltmännisch auftretende Yacine bekommt den Judenhass von Said Al-Bezaaz zu spüren, der bisher als sein Bruder galt.
Die Mütter der beiden Teenager gehen, nachdem sie den ersten Schock überwunden haben, aufeinander zu, auch Joseph und Yacine kommen sich zögerlich näher. Die Väter aber reagieren abweisend, für den israelischen ?Offizier ist der Palästinenser ein Staatsfeind und potenzieller Terrorist, und Al-Bezaaz ?sieht in dem Militär einen Besatzer und Unterdrücker.
Lorraine Lйvy inszeniert den heiklen Stoff ideologisch ausgewogen, vermeidet Klischees und findet treffliche Bilder, um die Stimmung der Figuren visuell auszudrücken. Die Dialoge sind vorzüglich, die Charaktere glaubwürdig.
Dabei sind Joseph und Yacine entgegen ?ihrem ethnischen Typus besetzt: Yacine hat arabische Züge, und der Palästinenser ?Joseph ähnelt stark dem jungen Bob Dylan, ist Liedermacher und trägt einmal ein Hemd mit dem Konterfei Dylans. Unaufdringlich wirbt das Familiendrama für Mitmenschlichkeit und Völkerverständigung.

Text: Ralph Umard

Foto: 2015 Film Kino Text

Orte und Zeiten: „Der Sohn der Anderen“ im Kino in Berlin

Der Sohn der Anderen (Le fils de l’autre), Frankreich 2012; Regie: Lorraine Lйvy; Darsteller: Emmanuelle Devos (Orith Silberg), Pascal Elbй (Alon Silberg), Jules Sitruk (Joseph Silberg); 105 Minuten

Kinostart: Do, 17. September 2015

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