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Im Kino: „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“

Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht

Heimat bezeichnet die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, die erst in der Fremde bewusst wird. Edgar Reitz steht wie kein zweiter Nachkriegsregisseur zu diesem merkwürdig zwiespältigen Gefühl. Ausgerechnet der bildverliebte Cineast und Modernist unter den Dandys, die einst Papas Kino und seine nazikontaminierte Heimattümelei zur Abdankung zwingen wollten, versuchte in seiner legendären „Heimat“-Trilogie, in insgesamt dreißig Filmen, Bilder und Geschichten dafür wiederzugewinnen. Im fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach zeichnete er das autobiografisch getönte Epos einer Familie im 20. Jahrhundert nach.
Nun legt der mittlerweile 80 Jahre alte Reitz ein fast vierstündiges Folge-Tableau vor. War „Heimat“ das naturalistische, alltagsethnologische Porträt kleiner Leute, von denen sich der Protagonist aus der pfälzischen Provinzenge heraus ins Münchener Künstlermilieu der Adenauer-Ära verabschiedet, blendet „Die andere Heimat“ in das Hunsrück-Dorf um die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Im Haus des Schmieds Simon träumt der jüngste Sohn Jakob (anrührend verkörpert von dem jungen Amateurdarsteller Jan Dieter Schneider) einen Emanzipationstraum, der kaum eine Rückkehr ermöglicht hätte. Zum Ärger des leseunkundigen Vaters ist Jakob von Büchern über Brasilien fasziniert. Nach der napoleonischen Einführung des Schulzwangs und einer gezielten Kampagne brasilianischer Werber wird die Idee der anderen Heimat, der Plan zur Auswanderung allmählich greifbar.
Edgar Reitz taucht in plastischem Schwarz-Weiß, raumgreifenden Panoramen und detailgenau rekonstruierten Szenerien in die Lebenswelten der verarmten, unter Adelswillkür, Hunger und Epidemien leidenden Dörfler ein. Bäuerliches Zeitgefühl scheint den Fluss der Ereignisse zu bestimmen. Kleine Wunder, ein Komet oder eine Glück verheißende Edelsteinscheibe, leuchten als magischer Farbzauber im Kosmos der Breitwandbilder auf. Eine Trennlinie verläuft zwischen denen, die bleiben und sich fügen, und denen, die sich die bessere Existenz als freie Bauern jenseits des Atlantiks versprechen. Dazwischen der kreative Außenseiter Jakob, der sich zur Freude von Alexander von Humboldt (Werner Herzog in einem grandios grotesken Cameo-Auftritt) fast wie ein Privatforscher in die Zeugnisse der neuen Welt einfühlt und es doch am schwersten hat mit der Verwirklichung seines Traums.

Text: Claudia Lenssen

Foto: Christian Lüdeke / Concorde Filmverleih 2013

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ im Kino in Berlin

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht, ?Deutschland/Frankreich 2013; Regie: Edgar Reitz; Darsteller: Jan ?Schneider (Jakob), Antonia Bill (Jettchen), Maximilian Scheidt (Gustav); 230 Minuten; FSK 6

Kinostart: 3. Oktober

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