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Im Kino: „Die Frau die singt“

Die Frau die singt

Wer sich ein wenig mit griechischen Tragödien auskennt, der weiß um die Durchstechung der Füße des Ödipus, bevor er als Säugling von seinen Eltern, dem Königspaar von Theben, ausgesetzt wurde. Dies sollte man als Zuschauer im Hinterkopf behalten, wenn das Drama „Die Frau die singt“ des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve mit einer Sequenz in einem arabischen Waisenhaus beginnt, in der uns die Kamera eine kleine Drei-Punkte-Tätowierung am Fuß eines etwa neunjährigen Jungen zeigt.
Der Vergleich ist durchaus beabsichtigt: In seinem Theaterstück „Incendies“, das dem Film als Vorlage dient, entwickelt Wajdi Mouawad, franko-kanadischer Bühnenautor libanesischer Herkunft, die Lebensgeschichte einer Frau aus dem Nahen Osten mit der ganzen Wucht einer antiken Tragödie, die auch Villeneuve in seinen Film übernommen hat.
Übergangslos gleitet die Kamera aus dem arabischen Waisenhaus hinein in eine kanadische Anwaltspraxis, wo Maоtre Lebel (Rйmy Girard) den Zwillingen Jeanne (Mйlissa Dйsourmeaux-Poulin) und Simon Marwan (Maxim Gaudette) den letzten Willen ihrer unlängst verstorbenen Mutter Nawal (Lubna Azabal) verkündet. Für Nawals Kinder wirft das Testament mehr Fragen auf, als es beantwortet: Die Mutter verlangt, nackt mit dem Gesicht nach unten, ohne Sarg und ohne Grabstein beerdigt zu werden. Ferner sollen Jeanne und Simon zwei Briefe überbringen: einen für ihren Vater, den sie bislang für tot hielten, den anderen für einen Halbbruder, von dessen Existenz sie bislang nichts ahnten.
Die Frau die singtWährend Simon das Ganze zunächst als einen weiteren Unsinn seiner rätselhaften und undurchsichtigen Mutter abtut, ist Jeanne durchaus bereit, deren Wünsche zu befolgen: Als Mathematikerin sieht sie diese Aufgabe wie eine ungelöste Gleichung an.
Alsbald erzählt der in klare Kapitel gegliederte Film abwechselnd von der Suche Jeannes nach Spuren der Mutter im Nahen Osten sowie deren Lebensgeschichte. Dabei wird über Nawal in einer theatralen Konstruktion alles Übel dieser Welt ausgekippt: Als Tochter einer christlichen Familie wird ihr palästinensischer Liebhaber von den eigenen Angehörigen in einem „Ehrenmord“ getötet, das Kind der mittlerweile Schwangeren nach der Geburt in ein Waisenhaus gebracht. Nawal überlebt ein von christlichen Milizen angerichtetes Massaker in einem Bus, sie verübt ein Attentat auf einen Nationalistenführer, kommt ins Gefängnis, wird gefoltert und vergewaltigt.
Die Frau die singtEs gehört zu den Kunstgriffen des Films, dass er diese Konstruktion als ein antinaturalistisches Element ausstellt, ebenso wie die Tatsache, dass es hier weder Orts- noch Zeitangaben gibt – auch wenn man automatisch an den Libanon und seine verschiedenen Konflikte und Kriege denkt. Doch anders als in Julian Schnabels für die Palästinenser Partei ergreifendem Drama „Miral“ geht es Mouawad und Villeneuve eben nicht in erster Linie um Politik.
„Die Frau die singt“ lediglich als Antikriegsfilm sehen zu wollen, greift deshalb zu kurz: Villeneuves Film handelt von Liebe und Vergebung, von Wegen, die gegangen werden, Versprechen, die gehalten werden, und von bitteren Wahrheiten, die erkundet werden müssen, damit sie helfen können, das eigene Leben in der Zukunft in Würde zu gestalten. Das mag dem einen oder anderen vielleicht ein wenig zu pathetisch erscheinen, doch die einzelnen Szenen kommen, nicht zuletzt dank der differenzierten Darstellung Lubna Azabals, mit einer erheblichen emotionalen Gewalt daher, die einen nicht kaltlässt.

Text: Lars Penning

Fotos: Arsenal Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Frau die singt“ im Kino in Berlin

Die Frau die singt (Incendies), Kanada 2010; Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Lubna Azabal (Nawal Marwan), Mйlissa Dйsormeaux-Poulin (Jeanne Marwan), Maxim Gaudette (Simon Marwan); 133 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 23. Juni

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