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Im Kino: Die geliebten Schwestern

Die geliebten Schwestern

Caroline von Beulwitz, geborene von Lengefeld, ist unglücklich verheiratet. Nicht der Liebe, sondern des Geldes wegen ist sie diese Verbindung eingegangen. Der Vater ist schon tot, die Mutter eine mittellose Witwe, die jüngere Schwester soll es besser haben. Irgendjemand muss die Fami­lie versorgen. Das erfüllt Caroline durch ihre Ehe mit einem ungeliebten Mann. Wir sind in Deutschland im späten 18. Jahrhundert, an der Schwelle zur Weimarer Klassik. Charlotte von Lengefeld muss nur aus dem Fenster hinausschauen, schon erblickt sie einen Dichter: Friedrich Schiller. So beginnt das Liebesdrama „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf.
Es ist ein Versuch der filmischen Einfühlung in die erotische Experimentierfreude der Sturm-und-Drang-Periode. Auf Anregung der Bavaria-Produzentin Uschi Reich grub Dominik Graf sich fast ein Jahrzehnt in die Tiefenschichten der kaum bekannten, aus den Nachlässen verbannten Geschichte um die Schwestern Charlotte von Lengefeld und Caroline von Beulwitz vor, die ein Liebespakt mit Friedrich Schiller verband.
„Die geliebten Schwestern“ fantasiert das Glück und Drama ihrer Mйnage-а-trois fast vollkommen aus der Binnensicht der liebesglühenden Schwestern. Ihr Gefühlsüberschwang ist ein Ausbruch aus verknöcherten Verhältnissen.
Geschult am klassischen Thema der Frauenliteratur zeichnet Grafs Historiendrama die mögliche Geschichte hinter Schillers Beziehung zu den Frauen nach und eröffnet zugleich ein mitreißend anschauliches Panorama ihrer Epoche und des sich anbahnenden Generationenbruchs, den der Literaturbetrieb allerdings nicht mitvollzieht. Caroline (Hannah Herzsprung), die Leidenschaftliche, will gegen das allgemeine Tabu selbst Schriftstellerin werden, die besonnene Charlotte (Henriette Confurius) geht mit dem fiebernden Idol die Ehe ein, die den Dreierpakt nach außen schützen soll, die Schwestern jedoch auf eine harte Probe stellt.

Die geliebten Schwestern

Dominik Graf nutzt die Leerstellen histo­risch verbürgter, biografischer Details zu einem großen Gemälde der Йducation sentimentale seiner drei Liebenden. Sein Film lebt anders als die lakonischen Helden seiner Männerfilme von den brillanten Wortgefechten und Briefschreiberkünsten der drei, der Stärke der verschwörerischen Frauenfiguren und ihrer trickreichen Geheimsprache, nicht zuletzt auch von der Schönheit der mitteldeutschen Landschaften und Schauplätze. Die Dinge, die seine Liebenden zur Hand nehmen, scheinen zu atmen. Die Buchdruckerkunst, die Caroline für ihre Zukunft entdeckt, wird wie ein Zauberschatz und Wunderding gefeiert. Mit einer Fülle lebenssatter Beobachtungen und einer glutvollen Reverenz an die Schönheit der Sprache der Liebe erobert sich Dominik Graf das Genre des epischen historischen Frauendramas.
Und er fügt damit seinem enorm vielfältigen Werk einen echten Höhepunkt hinzu. Dabei geht es ihm zumeist gar nicht um große Stoffe. Es steckt Musik in den immer gleichen Krimis und Polizeifilmen, davon ist Dominik Graf überzeugt. Typen, die mit dem Kaffeebecher ausschwärmen, um Laster und Verhängnis aufzuklären, sind näher am Puls der Zeit als Charaktere, in denen sich narziss­tische Autorenfilmer selbst verwirklichen, so lautet sein provozierendes Plädoyer für den Genrefilm.
Als er 1974 zu studieren begann, empfand er die Helden des Neuen Deutschen Films als übermächtig. Seine Strategie wurde ein bewusstes Epigonentum. Regisseure, die am Rand der Filmindustrie Hollywoods – nicht zuletzt im Hin und Her zwischen Fernsehen und Kino – Genres neu erzählten, schienen ihm eher taugliche Vorbilder, die es auf das komplizierte deutsche System umzumünzen galt. Gut getimte Action, höchst präsentes Schauspiel und spannende Schnittfolgen fesselten ihn. Perfektes Handwerk fordert Dominik Graf am Set, auch dann, wenn Teile der Crew gegen den Stress der 18-Stunden-Drehtage protestieren wie zuletzt bei der TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“.
Visuellen Reichtum innerhalb gegebener Formate, Genres und Figurenzeichnungen predigt Graf auch als Filmprofessor an der Internationalen Filmschule Köln (IFS). Und wie kaum ein anderer übersetzt er seine gute alte Cinephilie, die Suche nach filmhistorischer Inspiration in Essays, DVD-Rezensionen und fortwährende, ästhetische Selbsterläuterungen. Mit seinem Freund Michael Althen, dem verstorbenen Filmkritiker der „SZ“ und „FAZ“, realisierte er einen labyrinthischen Spaziergang durch „München – Die Geheimnisse einer Stadt“, eine Jugendreminiszenz und melancholische Klage über die symptomatische Verhässlichung unserer Lebensräume. Dinge, Orte, Stadtlandschaften sind gleichwertige Akteure in seinen Filmen, die Kritik an ihrer Zerstörung durch fehlgeleiteten Fortschritt ein nicht zu überhörender Subtext.
Als Hausregisseur der Bavaria begann Graf in den 1980er-Jahren für das Fernsehen zu arbeiten. Diverse „Fahnder“-, „Sperling“- und „Tatort“-, später auch „Polizeiruf“-Filme entschlackte er, indem er Oberlehrer-Eitelkeiten strich, wie sie noch bei „Derrick“ zum trockenen Brot deutscher Krimis gehörten. Aus Götz George, Herbert Knaup und Hannes Jaenicke holte er körperliche Wucht und Direktheit heraus. „Die Katze“ (1982) ist ein einsamer, auch kommerziell erfolgreicher deutscher Spitzenthriller. „Im Angesicht des Verbrechens“, das Epos über die Verstrickung zweier Polizisten ins Reich der russischen Mafia in Berlin, war der viel diskutierte Versuch, die Mehrschichtigkeit und Polyphonie amerikanischer Serien gegen die Quoten-Paranoia deutscher Fernseh-Mächtiger durchzusetzen. Und nun versucht Dominik Graf sich an einer Episode aus der deutschen Literaturgeschichte, von der sich durch seine kluge Bearbeitung der Eindruck einstellt: Hier steckt auch eine mögliche Serie drin, eine Geschichte der Gefühle und des Geldes. Dominik Graf wäre auf jeden Fall in der Lage, sie packend zu erzählen.

Text: Claudia Lenssen

Fotos: Senator Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: Die geliebten Schwestern

Die geliebten Schwestern D/Ö 2013; R: Dominik Graf; ?D: Hannah Herzsprung (Caroline von Beulwitz), ?Florian Stetter (Friedrich Schiller), Henriette Confurius (Charlotte Lengefeld); 139 Min.

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